Dirigentenboxen fluten derzeit in Form von "Complete Legacies" eines Labels den Markt, der sich ausnimmt wie Vegetation unter Strahlungseinfluss: üppig wuchernd, aber irgendwie krank. Während in der derzeit erhältlichen Diskographie von wegweisenden Dirigenten wie Arturo Toscanini, Herbert von Karajan, Leonard Bernstein und Leopold Stokowski empfindliche Löcher gähnen, bekommt man eine 95-CDs-André-Previn-Box, eine 109-CDs-John-Barbirolli-Box und eine 57-CDs-plus-11-Super-Audio-CDs-plus-2-DVDs-Mariss-Jansons-Box. Nichts gegen Jansons, nichts gegen Barbirolli, nichts gegen Previn - dennoch: Der Markt ist in Schieflage.

"Wilhelm Furtwängler - The Decca Legacy" umfasst nur 3 CDs - und ist ebenfalls höchst unnötig. Anhänger dieses Dirigenten werden, wie der Text im Booklet, die "mystische Erfahrung" dieser Aufführungen bemühen. Weniger Mystik und mehr Präzision wäre dem Zuhörer, der nicht dem Furtwängler-Kult huldigt, willkommen. Ludwig van Beethovens "Coriolan-Ouvertüre" verschwimmt von Beginn an, wenn die Akkorde wie Arpeggien klingen. Robert Schumanns Zweite Sinfonie verschwimmt in abwechselnd zu schnellen und zu langsamen Tempi, Johannes Brahms’ Zweite Sinfonie verschwimmt unphrasiert - bis auf den glänzend musizierten Finalsatz. Anton Bruckners Vierte Sinfonie verschwimmt in zäher Ziellosigkeit: Wenn der langsame Satz musikalische Mystik ist, dann ist musikalische Mystik wertlos. Der Tiefpunkt ist die d-Moll-Sinfonie von César Franck: Furtwängler, der sonst zumindest Höhepunkte sicher platziert, lässt hier jede Chance, dem schönen Werk Glanz und Größe zu verleihen, ungenützt verstreichen. Vielleicht wäre es besser gewesen, diese Aufnahme zu unterdrücken.

Wilhelm Furtwängler The Decca Legacy (Decca)
Wilhelm Furtwängler The Decca Legacy (Decca)

Diese Box ist etwas für Hörer, die alles von Furtwängler besitzen wollen. Wer diesen Dirigenten erst kennenlernen will, sollte einen Bogen darum machen.

Auch die Box mit allen Decca-Aufnahmen Erich Kleibers ist so eine Sache - wenngleich aus anderen Gründen. Kleiber war der zweite große Präzisionsfanatiker neben Toscanini: Klar und scharf konturiert sind seine Aufnahmen, klanglich fulminant ausgehört. Richard Strauss‘ "Rosenkavalier" und Wolfgang Amadeus Mozarts "Le nozze di Figaro" gehören zurecht zu den legendären Einspielungen, und gleiches lässt sich von den Beethoven-Sinfonien (3., 6., 7., 9., 5. zweimal) sagen. Glänzend ist Peter Tschaikowskis "Sechste", während die "Vierte" mit etwas steifen Tempi enttäuscht. Mozarts 40. Sinfonie ist brillant gespielt, ohne zu berühren. Der Rest sind nette Petitessen.

Erich Kleiber Complete Decca Recordings (Decca)
Erich Kleiber Complete Decca Recordings (Decca)

Ärgerlich ist, dass Decca in der Vergangenheit bereits mehrere Erich-Kleiber-Boxen aufgelegt, dabei aber immer einzelne Aufnahmen ausgespart hat, sodass der Sammler nun neuerdings zum Kauf einer weiteren Kleiber-Box genötigt ist. Denn eines ist völlig klar: Kleibers Aufnahmen setzen einen Standard an Orchesterdisziplin und Spannung durch Genauigkeit, wie sonst unter seinen Zeitgenossen nur noch die Toscaninis. Damit wird Kleiber zu einer herausragenden Gestalt der Interpretationsgeschichte - und zu einem Dirigenten, der die wiederholte hörende Auseinandersetzung lohnt wie nur wenige.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.