Der US-amerikanische Komponist George Crumb ist am 6. Februar in Media, Pennsylvania, im Alter von 92 Jahren in seinem Haus gestorben. Trotz eines im Umfang verhältnismäßig schmalen Oeuvres mit einem Schwerpunkt auf vokaler Kammermusik und Klaviermusik galt Crumb als einer der bedeutendsten Gegenwartskomponisten Nordamerikas und international als einer der letzten großen Musik-Mystiker.

Crumb wurde am 24. Oktober 1929 in Charleston, West Virginia, als Sohn einer Cellistin des städtischen Sinfonieorchesters und eines Bandleaders und Klarinettisten geboren. Im Alter von sieben Jahren erhielt er ersten Klarinettenunterricht, später wechselte er zum Klavier. Erste Kompositionsversuche zeigen den Zehnjährigen auf den Spuren der Romantiker wie Frédéric Chopin, Robert Schumann und Johannes Brahms. Trotz einer profunden klassischen Ausbildung spielte er während der High School in Jazz-Combos und befasste sich mit den Techniken der Unterhaltungsmusik.

Er studierte am Mason College of Music and Fine Arts, an der University of Illinois, an der University of Michigan. Unter seinen Kompositionslehrern war der US-Amerikaner Ross Lee Finney. Weitere Studien führten Crumb zu Boris Blacher nach Berlin. Später unterrichtete Crumb selbst an der University of Colorado (Boulder) und an der University of Pennsylvania (Philadelphia). Zu seinen namhaftesten Schülern gehören Jennifer Higdon, Uri Caine, Christopher Rouse sowie Osvaldo Golijov und Gerald Levinson.

Crumbs Leben war von einer Tragödie überschattet: Seine Tochter Ann Crumb, ein Broadwaystar, schauspielerisch wie sängerisch gleichermaßen begabt, häufig Interpretin der Gesangsrollen in den Werken ihres Vaters und 1993 in der Rolle der Anna Karenina für einen Tony Award nominiert, starb im Jahr 2019, was Crumbs bis ins hohe Alter ungebrochene Schaffenskraft nahezu zum Erliegen brachte.

Sternsysteme in Musik

Crumb erstes wesentliches Werk sind die "Variazioni" (1959) - verhältnismäßig uncharakteristisch aus zwei Gründen: Crumb verwendet ein großes Orchester, was später zum Ausnahmefall werden sollte, und er ordnet die Musik gemäß reihentechnischen Verfahren.

Crumbs Arbeitsweise ist langsam und unglaublich skrupulös: Lange zeitliche Abstände zwischen den Werken sind die Regel. So stammt das nächste wesentliche Werk aus dem Jahr 1967: Für "Echoes of Time and River" erhält Crumb den Pulitzer Prize für Musik. Ausgangspunkt ist nun die Collagetechnik eines Charles Ives: Crumb arbeitet weniger mit einem geschlossenen Orchester als mit mehreren Instrumentalgruppen, die gemeinsam Orchesterstärke ergeben.

Wenngleich zahlreiche Elemente seiner Musik von Claude Debussy und Béla Bartók hergeleitet werden können, ist die Klangvorstellung Crumbs doch eine ganz andere, sie geht in Sphären einer magischen Musik, einer Musik als raunende Beschwörung und übersinnliches Erleben. Dann leitet Crumb Klangfolgen schon auch aus Sternkonstellationen ab.

Die Charaktere von Ritual und Prozession sind nun ebenso prägend wie ungewöhnliche Klänge durch neuartige und erweiterte Spieltechniken. Crumb integriert in sein Vokabular simple tonale Melodien, Volkslieder und Zitate aus Werken der Klassiker ebenso wie dichte tonartenfreie Akkordballungen und "Drones", lange gehaltene Einzeltöne oder Akkorde.

Später wird solch ein einzelner Ton, sehr tief, die Schwingung der Erde symbolisierend, für die Dauer eines gesamten Orchesterwerks erklingen, während darüber eine Prozession von teilweise spukhaften Einzelelementen abläuft: "A Haunted Landscape" (1984).

Ungewöhnliche Spieltechniken

Zu Crumbs meistaufgeführten Werken gehört das Streichquartett "Black Angels" (1970), in dem die Instrumente elektronisch verstärkt werden. Die Musik setzt magische und surrealistische Vorstellungen wie "Night of the Electric Insects", "Sarabanda de la Muerte Oscura", "Devil-music" und "God-music" in Klang um. Mit neuartigen Spieltechniken, flüsternden Instrumentalisten und bis dahin ungehörten, oft gleichzeitigen Mischungen von Glissando- und Trillereffekten erzielt Crumb sowohl spektakuläre Effekte als auch eine mystische Aura. Immer wieder müssen die Musiker dabei auch andere Instrumente bedienen, zumeist solche aus der Familie der Schlagzeuge, sie flüstern, summen und singen einzelne Töne.

Erweiterte Spieltechniken verlangt Crumb auch den Pianisten ab: Mit seinen umfangreichen Zyklen "Makrokosmos" (1972), "Makrokosmos II" (1973) und "Celestial Mechanics" für zwei Pianisten schafft Crumb eine völlig neue Art der Klaviermusik: Wenn die Saiten im Inneren des Klaviers angezupft werden, elektronische Verstärkungen den Klang denaturieren, die Pianisten auch schon einmal kurze Phrasen pfeifen und singen müssen, hat das bei Crumb dennoch keinen rein-spektakulären Effekt, sondern geschieht im Rahmen tranzendentaler Vorstellungen, aus denen er mittels aus Sternkonstellationen abgeleiteten Zahlenmanipulationen Stückdauern und Proportionen entwirft. Dem Zuhörer teilt sich die akribisch durchkonstruierte Musik dennoch als spontane mystische Erfahrung mit.

Crumbs Gesamtwerk ist schmal, zumal zahlreiche Werke kurz sind, aber nahezu alles ist von außerordentlicher Qualität: Das gilt für das Chor-und-Orchester-Werk "Star Child" (1977) wie für die große Zahl vokaler Kammermusik, bei der vor allem die Vertonungen von Versen des spanischen Surrealisten Federico Garcia Lorca bemerkenswert sind: Vier Bücher "Madrigals" etwa oder die Solokantate "Ancient Voices of Children". 2003 begann Crumb mit einem letzten großen vokalen Werkzyklus, den sieben "American Songbooks" und den drei "Spanish Songbooks", in denen er originale Volkslieder in seine irrlichternden Klanglandschaften einbettet.

Die Partitur als Kunstwerk

Zu Crumbs Besonderheiten gehört seine Notenkalligraphie: Er zog die Linien selbst und spiegelt darin oft die Inhalte der Werke, etwa, wenn er quasi unendliche Wiederholungen in kreisförmigen Linien notiert oder das klingende Abbild einer Spiralgalaxis in einem schneckenförmiges Notensystem umsetzt. Alle Werke Crumbs werden vom Verlag als Reproduktionen der Handschrift veröffentlicht, die Werke sind optisch so eindrucksvoll wie musikalisch.

Crumb war eine sehr nordamerikanische Komponistengestalt: In ihm lebte der Pioniergeist ebenso wie eine tiefe Naturverbundenheit, eine Mischung aus Mystik und Realität, er war Hillbilly, Visionär und Rationalist zugleich. Seine Musik ist einzigartig in ihrer Tiefe und Schönheit. Sie ist es wert, im Kanon der Musikgeschichte einen dauerhaften Platz zu finden.