Ein Klassikkonzert mit Buhrufen? Das ist fast so selten wie eine Sichtung des Halleyschen Kometen, der nur alle 75 Jahre wiederkehrt. Wer das - je nach Standpunkt - Glück oder Pech hatte, dem Pianisten Ivo Pogorelich 2010 im Wiener Konzerthaus zu lauschen (der Autor dieser Zeilen hatte es leider nicht), konnte ein solches Schauspiel jedoch mitverfolgen. Der Kroate, so hieß es danach in den Kritiken, zerdehnte Tschaikowskis Erstes Klavierkonzert derart, dass das Blut im Saal schon nach dem Kopfsatz kochte: Rufe wie "Mord an Tschaikowski!" gellten durch den Raum.

Für Ivo Pogorelich war das gewissermaßen Business as usual: Der Mann aus Belgrad, Jahrgang 1958, ist seit jeher auf Eklat gepolt und hatte seine Karriere bereits mit einem solchen begonnen. 1980 spaltete er die Jury des Chopin-Wettbewerbs vor seinem Ausscheiden dermaßen, dass seine Befürworterin Martha Argerich das Gremium mit den Worten "Ein Genie!" verließ. Ein Stern war aus dem Chaos aufgegangen. Ein Stern, der sich später auch gern mit anderen Stars anlegte. Etwa im Wien des Jahres 1984: Ein Orchesterkonzert unter Herbert von Karajan fand kurzfristig ohne den populären Tastenmagier statt - angeblich wegen divergierender Tempovorstellungen.

Ivo Pogorelich Chopin
Ivo Pogorelich Chopin

Dass Pogorelich in dieser Hinsicht bis heute zu Extremen neigt, bekräftigt seine neue Aufnahme von Chopin-Klavierstücken, die an diesem Freitag erscheint. Die CD enthält knapp eine Stunde Musik - rein objektiv betrachtet. Die Töne werden hier allerdings meist so gemächlich serviert, dass das Album deutlich ausführlicher wirkt und der Ausdruck "Langspielplatte" eine völlig neue Bedeutung erhält. Das beginnt schon eingangs beim c-Moll-Nocturne op. 48/1: Wofür Jan Lisiecki knapp sechs Minuten benötigt, das wächst bei Pogorelich zur achtminütigen Klangmeditation an. Die Schönheit der Musik steigert sich allerdings nicht entsprechend: Pogorelich reichert seine Interpretationen mit Pausenwerten an, in denen eine grüblerische Düsternis nistet und die den Melodiefluss zum Stocken bringen. Fast zum Erliegen kommt er im E-Dur-Nocturne (op. 62/1): Pogorelich, so scheint es, muss jede Melodiekurve so gewissenhaft mit einem Moment des Innehaltens ankündigen, wie Straßenbaubehörden eine Serpentine ausschildern.

Magdalena

Magdalena

Auch die h-Moll-Sonate bleibt vor solchen Tempowallungen nicht gefeit, verdeutlicht aber zugleich Pogorelichs klangmagische Stärke im Pianobereich: Seine samtigen Bässe und süßen Diskantnoten verleihen dem Largo eine fragile Innigkeit. In Summe - was sonst? - eine polarisierende CD.

Wer die Harfe nur als musikalischen Glitzerlieferanten aus dem Orchester kennt, der sei auf das Album von Magdalena Hoffmann hingewiesen. Die Deutsche, Jahrgang 1990, stellt den Vielsaiter mit den wummernden Bässen und zirpenden Spitzentönen anhand von raren Solostücken vor: Benjamin Brittens "Suite for Harp" etwa, mit ihren mythischen Stimmungen im Debussy-Gefolge, oder Marcel Tourniers "La Danse du Moujik" mit den fein-ätherischen Klangschauern. Etwas zwiespältig nur, dass sich Hoffmann auch Stücke aus der Klavierliteratur ausborgt: Der sanftmütigen Harfe fehlt es im nötigen Moment am perkussiven, pianistischen Biss. Idyllisch anzuhören sind Chopin-Walzer im Funkelkleid aber natürlich allemal.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.