Jewgeni Kissin ist ein Pianist der Sonderklasse, der ohne Hochglanzmarketing auskommt, ohne Dauertwitterei; dessen interessante Aussagen ausschließlich am Klavier stattfinden: altmodisch im Sinne von großartig. Sein zu Ehren seiner 2021 verstorbenen Klavierlehrerin Anna Pavlovna Kantor gegebenes Konzert im Musikverein war ein Beweis dessen.

Sein suchendes, dynamisch alles ausreizende Spiel - in der Tausig-Transkription von Bachs Toccata und Fuge d-Moll, BWV 565 zwischen samtigem Legato und kanadischer Holzhackerbrachialität alles bietend - lebt von faszinierenden Momentbetrachtungen, weniger der großen Struktur. Mozarts Adagio für Klavier h-Moll, KV 540, augenliderschwer und glasig im oberen Register, war einem Gedenken an eine liebe Verstorbene nur angemessen. Beethovens Sonate für Klavier As-Dur, op. 110 wirkte gewagt aufgespreizt - besonders im Fugensatz; immer wieder mit kontrastreicher Schärfe, aber auch langsamen, ausgeschlachteten Passagen, die auseinanderzufallen drohten.

In der zweiten Hälfte wurden Chopins Mazurken geboten. Der Einstieg in die Erste, op. 7/1, glich einem Freudentanz in Gummistiefeln, nur um gleich wieder nachdenklich zu werden. Selbst relativ einfache Werke mutieren unter Kissins Händen zu immer ganz großer Musik. Das abschließende Andante spianato et Grande Polonaise war, abwechselnd donnernd und streichelnd, wie eine Bravour-Zusammenfassung alles bisher Gehörten; die Zugaben schließlich, von Bach über Mozart zu Chopin, ein Geschenk an das begeisterte Publikum.