Kaum ein Höllenschlund wirkt greifbarer als der im Requiem von Antonín Dvořák. Note um Note nähert sich der Chor der schwelenden Hitze, den farbenprächtigen Feuerfunken und der blubbernden Tiefe, die nach sterblichen Fratzen lechzt. Im "Dies Irae" leuchtet der Klang dieser Stimmen wie das härteste aller Mineralien, der Diamant, und trotzt der Feuersbrunst mit wechselnden Einsätzen der Soprani, Alti und der wummernden Bässe.

Heinz Ferlesch, Leiter der Wiener Singakademie, hatte diesen diamantenen Klang für das Konzert am Mittwochabend perfekt geschliffen. Auf der Bühne des Großen Konzerthaus-Saals befinden sich zudem das ORF-Radio-Symphonieorchester Wien und vier Solisten (Kateřina Kněžíková, Gerhild Romberger, Maximilian Schmitt, Jongmin Park). Das Symphonieorchester präsentiert sich solide, ohne auffällige Glanzlichter; das Solistenquartett findet samtig weich zusammen und gestaltet einen meditativen Rückzugsort innerhalb der brillierenden Komposition.

Mit blau-gelbem Schal

Es ist ein gespenstischer Zufall, dass die Leitung dieses Requiems - am Vorabend des russischen Angriffs auf die Ukraine - tatsächlich eine Ukrainerin innehat. Oksana Lyniv, mit einem Hüftschal in den Farben ihrer Flagge geschmückt, wirkt mit ihrer zierlichen Gestalt wie eine hoffnungsvolle Kerze im riesigen Raum. Für das ewige Licht hebt sie ihre Arme hoch über den Kopf empor, als wolle sie letztlich einen friedlichen, erhellenden Glanz in den Saal werfen. Tönende Bravi.