Wer die Homepage des Luhansker Philharmonischen Orchesters aus der Ostukraine aufruft, traut seinen Ohren nicht. Tatsächlich: Was einem aus den Computer-Lautsprechern entgegenschallt, ist das Finale von Beethovens Neunter Symphonie. Jene Musik also, die den "schönen Götterfunken" Freude feiert, die Verbrüderung aller Menschen fordert und darum auch zur Hymne der Europäischen Union avanciert ist.

Was die Mitglieder des Ensembles derzeit tun, ist indes weitgehend unbekannt. Auch der Chefdirigent, der 79-jährige Österreicher Kurt Schmid, weiß es nicht. Er hält sich derzeit an seinem Wohnort in Wien auf und hat am Donnerstag, rund zehn Stunden nach dem Beginn der russischen Invasion in der Ukraine, das erste Mal mit der "Wiener Zeitung" über die Lage gesprochen. Schmid: "Wir wollten heute das Orchester evakuieren, haben dafür eine Kleinstadt in der Nähe von Lemberg gefunden, und aus Kiew wurde uns gesagt, dass es gelingt. Aber Putin war schneller. Es schaut nicht gut aus."

"Es ist unvorstellbar, ich kenne die Gegend so gut"

Was ist mit den Musikern? Schmid hat Donnerstagfrüh mit Orchesterdirektor Igor Shapovalov telefoniert. "Er sagte mir kurz, er hat seine Familie zusammengepackt und fährt westwärts. Seither habe ich ihn nicht mehr erreicht, die Leitungen sind tot." Am Freitagmittag, etliche Anrufe später, wusste Schmid dann zumindest ein wenig mehr: Manche Orchestermitglieder würden sich derzeit in Kellern verschanzen, andere seien auf der Flucht; einige seien unerreichbar, andere hätten ihre Handys bewusst abgeschaltet und würden nur Textnachrichten senden. Vielleicht, hofft Schmid, könnte der Orchesterumzug doch noch klappen. Die Gesamtlage in der Ukraine, deren Hauptstadt am Freitag vom Krieg erreicht wurde, stuft er allerdings als "katastrophal" ein. "Es ist unvorstellbar für mich, dass in Kiew Kämpfe stattfinden. Ich kenne die Gegend so gut."

Tag und Nacht in Luhansk beschattet

Schmid - nicht nur Dirigent, sondern auch Komponist und früher Klarinettist beim Niederösterreichischen Tonkünstler-Orchester - ist seit dem Jahr 2002 in dem Land Stammgast. Damals hatte er in der 414.000-Einwohner-Stadt Luhansk das Symphonieorchester übernommen, "eine schlafende Schönheit ohne Perspektive", wie er über den seinerzeitigen Zustand sagt. Um das zu ändern, ist er anfangs allmonatlich in die Stadt geflogen. Die Arbeit des neuen Chefdirigenten trug allmählich Früchte: Drei Jahre später gastierte das Ensemble im Wiener Musikverein mit Beethovens Neunter Symphonie, weitere Gastspiele in Österreich sollten folgen. In seiner Heimat bekam das Ensemble den Ehrentitel "Akademisches Orchester" zugesprochen, Schmid selbst etliche Auszeichnungen der Behörden um den Hals gehängt.

2014 allerdings, als Russland die Krim annektierte, zogen auch über der Ostukraine düstere Wolken auf: Prorussische Separatisten machten sich auf den Straßen breit, Kampfhandlungen flammten in dem Gebiet auf. Die Regierung verlor die Kontrolle über ganze Landstriche: Abtrünnige haben seither in der Krisenregion das Sagen und dort die - nun nur von Russland anerkannten - Volksrepubliken Donezk und Luhansk ausgerufen.

Schmid entschied 2015, seinem ukrainischen Arbeitsort den Rücken zu kehren, die Flinte aber nicht ins Korn zu werfen: Er übersiedelte mit der Hälfte des Ensembles nach Sjewjerodonezk, rund 100 Kilometer westlich gelegen und damit außerhalb der separatistischen Zone. Die leeren Orchesterreihen wurden mit Kräften der lokalen Musikschule gefüllt.

Warum ist damals die andere Orchesterhälfte nicht mitgezogen? Einige seien aus Altersgründen nicht übersiedelt, viele wegen ihrer familiären Verwurzelung. Nur fünf Personen seien aus politischen Motiven geblieben, meint der Dirigent. Überhaupt, so schildert es Schmid, seien die prorussischen Proteste in Luhansk nicht das Produkt eines lokalen Volkszorns gewesen. Die Demonstranten "kamen von außen mit Bussen, sie zogen vor die Stadtverwaltung und riefen ‚Putin!‘" Viele seien in Zivilkleidung aufgetreten, an manchen Füßen hätten Militärstiefel geprangt. Schmid, damals auch Lehrer an der Luhansker Universität, sei in dieser Zeit Tag und Nacht abwechselnd von zwei Personen beschattet worden. Angst hätte er keine gehabt, schon wegen seiner frühkindlichen Prägung: "Ich bin in Wien-Favoriten mit der russischen Besatzung aufgewachsen."

Ukrainer für Konzert nach Wien holen

Die jetzige Eskalation erschüttert freilich auch den 79-Jährigen, der die Ukraine das letzte Mal im September besucht hatte. Der Krieg bedeutet für ihn nicht nur eine menschliche Katastrophe, sondern auch eine künstlerische. "In der Ukraine ist mein Lebenswerk, mein Herz hängt daran", beteuert der gebürtige Wiener. Diesen Umstand hätte er auch gern an seinem 80. Geburtstag zelebriert: Das Luhansker Orchester, so war es bisher jedenfalls geplant, sollte im April mit dem Jubilar im Mozart-Saal des Wiener Konzerthauses auftreten. Die Invasion des russischen Präsidenten Wladimir Putin hat womöglich auch dieses Vorhaben zerschmettert.

Absagen möchte Schmid sein Festkonzert dennoch nicht - und es auch dezidiert unter einen ukrainischen Schwerpunkt stellen. Der rüstige Dirigent will dafür kämpfen, zumindest einige Orchestermitglieder für den Auftritt nach Wien zu bringen. "Ich denke, bis Mitte April wird sich die Situation so weit gelichtet haben, dass das gelingt", sagt er. Es steht jedenfalls zu hoffen, dass vom Luhansker Orchester mehr bleibt als eine geisterhafte Aufnahme von Beethovens Neunter auf einer Homepage.