Es ist nicht einfach, den Blick von den Gräueln in der Ukraine loszureißen. Und es ist auch kein Leichtes, sich dieser Tage einen Stimmungsaufheller zu finden. Das traditionelle Vergnügungsangebot des Februars, der Fasching, muss aus Pietätsgründen Federn lassen. Der Kölner Karneval hat den gestrigen Rosenmontag ungenutzt verstreichen lassen, der ORF darauf verzichtet, sein einschlägiges Spaß-Aufgebot auszustrahlen. Ob man den notorischen Narreteien aus Villach nun etwas abgewinnen kann oder nicht - es sind trübe Zeiten.

Umso schöner, wenn man dafür unverhofft von einer Brise Humor angeweht wird, wie vom spanischen Kontrabassisten Luis Cabrera und seiner neuen CD. Zwar verbreitet die mit ihrer dunklen Aufmachung eine Aura der Ernsthaftigkeit, beginnt aber mit einer brillanten Schelmerei. Giovanni Bottesini - Kontrabassist, Komponist und Weltenbummler aus Italien - hatte im 19. Jahrhundert eine Melodie namens "Carnevale di Venezia" zu einer Variationsfolge für sein Instrument ausgesponnen. Mag einem auf dem Papier wenig sagen, tut es aber schon nach zwei, drei Tönen: Hinter dem Namen steckt ein Ohrwurm, der ab 1800 von Neapel aus um die Welt ging und noch heute aus mancher Kinderkehle kommt, hierzulande mit dem Text "Mein Hut, der hat drei Ecken" oder "Ein Hund kam in die Küche". Bottesini hat dieses Volkslied mit einem Füllhorn von Schrullen und Scherzen zur Schmunzelnummer angereichert, lässt den Bass mal einen noblen Tenor mimen, mal in Brumm-Tiefen eine Art Elefantenballett vollführen oder mit torkelnden Rhythmen so etwas wie einen Clowntanz: ein Zehnminüter der virtuosen Heiterkeit.

Luis Cabrera, Justyna Maj, Sylvia Huang Canto interno (trptk)
Luis Cabrera, Justyna Maj, Sylvia Huang Canto interno (trptk)

In erster Linie stellt dieses Album aber heraus, dass auch jener wuchtige Viersaiter, der meist unauffällig an der Grundton-Basis arbeitet, als ein singender Orpheus brillieren kann. Cabreras Bass, aus der Hand des Geigenbauers Carlo Ferdinando Landolfi rund um 1770, besitzt die sanglichen, sinnlichen Qualitäten eines Cellos und vermittelt dank des Mannes aus Madrid ein dynamisches Spektrum vom streichelweichen Flüstern bis zum martialischen, strammen Strich - eine Bandbreite, die spätestens bei Robert Schumanns Charakterstücken op. 73, ursprünglich für Klavier und Klarinette gesetzt, überwältigt. Den Schlusspunkt setzt César Francks grandiose Geigen-Sonate in A-Dur, deren virtuose Sehnsuchtsfülle Cabrera und die exzellente Pianistin Justyna Maj in dieser Hi-Tech-Aufnahme voll ausschöpfen.

ensemble minui Act II (Ars Produktion)
ensemble minui Act II (Ars Produktion)

Ein subtiles Unterhaltungsangebot kommt derweil aus Kärnten: Das ensemble minui hat sein zweites Album aufgenommen und abermals Opernklassiker in putzige Suiten für Nonett - fünf Streicher, drei Mal Holz und ein Horn - verwandelt, nun Puccinis "Bohème", Tschaikowskis "Eugen Onegin" und Strauss’ "Elektra". Fraglich zwar, ob die verblichenen Opernschöpfer solchen Collagen ihrer Geistesblitze grünes Licht erteilt hätten, und Ansichtssache, inwieweit die Mini-"Elektra" die Wucht ihrer Vorlage vermittelt. Der "Bohème"-Suite von Arrangeur Stefan Potzmann kann man sich aber jedenfalls so wenig entziehen wie einer grazilen, köstlichen Konfektschachtel: Klangkulinarik im edlen Sinn.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.