Valery Gergiev steckt in der Klemme. Es hagelt Ultimaten und Ausladungen für den russischen Stardirigenten, der sich wiederholt als Unterstützer Wladimir Putins bekannt hat. Doch der Dirigent sitzt zwischen der Skylla seiner außerordentlichen Stellung in Russland und der Charybdis seiner internationalen Engagements. Wie auch immer er sich entscheidet: Er hat Schwierigkeiten zu gewärtigen.

Zu Redaktionsschluss sieht die Lage so aus: Die Wiener Philharmoniker haben Gergiev als Dirigenten ihrer Tournee ausgeladen. In New York übernahm an seiner Stelle Yannick Nézet-Séguin. Wer das Konzert des Orchesters in Naples mit einem ganz auf Gergiev zugeschnittenen Prokofjew-Tschaikowski-Programm leiten wird, ist ungewiss. Abgesagt hat ebenso das Lucerne Festival, wo Gergiev Konzerte mit dem Orchester seines Mariinski Theaters dirigieren hätte sollen. Die Mailänder Scala hat Gergiev von seinem Engagement als Dirigent von Tschaikowskis "Pique Dame" entbunden, die er bis Mitte März leiten hätte sollen. Das Riga Jurmala-Festival in Lettland, bei dem Gergiev und sein Orchester im Sommer eine tragende Rolle hätte spielen sollen, fällt ganz weg.

München fordert Distanzierung

München hat dem russischen Dirigenten die Rute ins Fenster gestellt: Dort ist Gergiev seit 2015 Chefdirigent der Philharmoniker. Sollte er sich nicht bis Mitternacht der Nacht von Montag (28. Februar) auf Dienstag (1. März) von Putins Angriff auf die Ukraine distanzieren, werde man sich von ihm trennen, sagt Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter. Bereits getrennt von ihm hat sich Gergievs Münchner Künstleragentur, obwohl deren Chef Marcus Felsner nach wie vor Gergiev für einen "visionären Künstler" und "einen der größten Dirigenten unserer Zeit" hält.

Da kann die Hamburger Elbphilharmonie nicht zurückstehen: Sollte sich Gergiev nicht eindeutig gegen den Ukraine-Krieg positionieren, werden seine Konzerte im April und Mai abgesetzt. Eine Frist hat der Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter zwar nicht genannt, doch es gilt als unwahrscheinlich, dass Gergiev die Drohung aussitzen kann.

Der Domino-Effekt der Ausladungen würde sich zweifellos zum Festspielhaus Baden-Baden fortsetzen, wo Gergiev im Juli mit dem Mariinski-Orchester Konzerte bestreiten würde und im Dezember Tschaikowskis "Jungfrau von Orléans" und einen Abend mit Strawinskis Balletten "Feuervogel", "Petruschka" und "Le Sacre du printemps" als Produktionen des Mariinski Theaters vorstellen würde. Bleibt Gergievs Distanzierung aus, wäre de facto seine gesamte Karriere im nicht-russischen Ausland gefährdet.

Sonderstellung in Russland

Gergievs Problem ist seine außerordentliche Stellung in Russland. Während die meisten international bedeutenden russischen Künstler mittlerweile nur auch in ihrer Heimat auftreten, ist das St. Petersburger Mariinski Theater sein Standbein. Dort ist er als Chefdirigent, künstlerischer Leiter und Direktor gleichsam Alleinherrscher. Er sitzt an der zentralen Schaltstelle, die den Austausch zwischen russischen und westlichen Kräften regelt - zumindest, sofern es das Musiktheater betrifft. Beispiele dafür sind Anna Netrebko und Aida Garifullina, deren Karrieren Gergiev in Gang setzte.

Andererseits konfrontierte Gergiev das gewohnt traditionell eingestellte russische Opernpublikum mit Regisseuren wie David Freeman und Jonathan Kent und organisierte erfolgreich Koproduktionen mit Opernhäusern vor allem in den USA. Dadurch ist er der mehr oder minder offizielle Kulturbotschafter Wladimir Putins.

Im Bewusstsein um diese Stellung zögerte er jedes Mal, wenn der Westen ihn zu Aussagen über Putins Politik drängte. Denn Gergiev steht, ungeachtet der Konflikte mit westlichen Moralvorstellungen, treu an Putins Seite: 2008 hatte er im Konflikt zwischen Georgien und Russland in den Ruinen der südossetischen, bis heute international nicht voll anerkannten Hauptstadt Zchinwali ein Konzert gegeben. 2013 verteidigte er ein Gesetz, das es verbietet, in Gegenwart von Kindern positiv über Homosexualität zu reden, ehe er behauptete, das Gesetz nicht zu kennen. Und als Putin 2014 die Krim annektierte, erhielt er eine Unterstützungserklärung, die 300 russische Künstler unterzeichnet hatten. Gergiev war einer von ihnen.

Gergiev hatte wahrhaft nie Scheu, sich offen an Putins Seite zu stellen. Zum Krieg in der Ukraine schweigt er bis jetzt. Vielleicht ist das als Valery Gergievs Stellungnahme zu werten.