"Dazu sage ich nichts", wehrt Pawel, Musiker aus Jekaterinburg, ab, um dann doch etwas zu sagen: "Das Problem ist nicht, dass du abgeführt wirst, wie damals unter Stalin. Du hast nur mit einem Mal weniger Auftritte, weil jemand, den du brauchst, Angst hat, dass jemand, den er braucht, Angst hat, weil jemand Angst haben könnte, den er braucht, und so weiter. Deshalb sage ich nichts." Seiner Bitte, ihm einen anderen Namen zuzuweisen, komme ich nach. In solch einer Gegenwart lässt sich Vernunft nur noch individuell definieren.

Fast fühlt man sich an Zeiten erinnert, in denen selbst ein Stardirigent wie Mariss Jansons im Künstlerzimmer den langjährig bekannten Gesprächspartner beiseitenahm, dabei den anderen Anwesenden den Rücken zukehrte, so die Atmosphäre eines Gesprächs unter vier Augen schaffend, und ganz leise seine Meinung zu irgendeinem Vorgang äußerte. Nicht, weil Jansons konkret Angst hätte haben müssen, sondern weil er es so gewohnt war.

St. Petersburg ist ganz westliche Stadt: italienische und französische Vorbilder sind auf Schritt und Tritt spürbar. 
- © apa/ afp / Maxim Marmur

St. Petersburg ist ganz westliche Stadt: italienische und französische Vorbilder sind auf Schritt und Tritt spürbar.

- © apa/ afp / Maxim Marmur

Russisches Schweigen

Russland, russische Künstler, sind in diesem Punkt anders als westliche. Hier, im Westen, gilt in der Tradition der römischen Antike, dass Schweigen Zustimmung bedeutet. In Russland äußert man sich deutlich, wenn man zustimmt. Schweigen kann Distanz bedeuten. Vielleicht sind Anna Netrebkos nebulose Äußerungen und Valery Gergievs beharrliches Schweigen die äußersten Positionen, die ihnen derzeit im Zahnräderwerk des russischen Kulturbetriebs möglich sind.

Dass sich russische Künstler mit einer vor allem außerhalb Russlands stattfindenden Karriere leichter gegen den Krieg positionieren können als ihre Kolleginnen und Kollegen, die in der russischen Kultur nicht nur mental, sondern auch geografisch verankert sind, versteht sich von selbst. Dennoch sind auch Dirigenten wie der in den Niederlanden lebende Lew Markiz, der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker Kirill Petrenko, der in Berlin lebende Komponist Sergej Newski oder Wladimir Jurowski, derzeit Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, mit ihren Positionen gegen den Krieg von Gewicht.

Umso bemerkenswerter aber: Wladimir Urin, Intendant des Moskauer Bolschoi Theaters, als Regisseur mit dem Ehrentitel "Volkskünstler Russlands" bedacht und 2019 mit dem mittleren Orden der Aufgehenden Sonne am Band ausgezeichnet, unterzeichnete einen Protest gegen Wladimir Putins Krieg gegen die Ukraine.

Umso bemerkenswerter: Der Tänzer und Choreograf Alexei Ratmanski warf eine neue Produktion am Bolschoi hin und verließ gemeinsam mit seinem Kreativ-Team Russland. Er werde erst zurückkehren, wenn Putin nicht mehr Präsident sei, sagte Ratmanski in der "New York Times".

Umso bemerkenswerter: Jelena Kowalskaja, Direktorin des Meyerhold-Zentrums, eines offenen Theaterraums in Moskau, der für junge Künstler aller Sparten von großer Bedeutung ist, trat von ihrer Funktion zurück und schrieb auf ihrer Facebook-Seite: "Freunde, als Protest gegen die russische Invasion der Ukraine trete ich vom Posten des Direktors des Staatstheaters - CIM zurück. Man kann nicht für einen Mörder arbeiten und bezahlt werden."

"Nein zum Krieg"

Umso bemerkenswerter schließlich auch: Der russische Popsänger Waleri Meladse forderte eine Einstellung der Kampfhandlungen, die Rockmusikerin Zemfira postet auf ihrer Internetseite: "Nein zum Krieg", Maxim Galkin, Comedian und Fernsehmoderator im staatlichen Fernsehen, postete auf Instagram: "Es gibt keine Rechtfertigung für Krieg! Nein zum Krieg!", und der künstlerische Leiter des Majakowski-Theaters in Moskau, Mindaugas Karbauskis, trat am Tag nach Beginn des Krieges kommentarlos zurück.

Wieder einmal ist das Pendel in Bewegung gesetzt, das zwischen West-Annäherung der russischen Kultur und ihrer Entfernung vom Westen hängt. Wie es diesmal ausgehen wird, ist dabei noch unklar. Vertragsauflösungen mit allzu Putin-freundlichen Künstlern sind Gesten, die freilich an einem großen Ganzen nichts ändern. Denn die Zeichen standen zu lange auf einer gegenseitigen Annäherung, um jetzt in einer Gegenbewegung alle Verbindungen zu kappen.

Wobei diese Pendelbewegung bis in die Anfänge der verschriftlichten russischen Literatur und Musik zurückreicht: Alexander Puschkin, der am Anfang der russischen Dichtung und Erzählung steht, war von französischen Vorbildern beeinflusst; sein Zeitgenosse Nikolai Gogol, übrigens ukrainischer Herkunft, begründete eine genuin russische Diktion.

Wassili Kandinski erwies sich als eine prägende Kraft der modernen Malerei. 
- © apa / afp / Vincenzo Pinto

Wassili Kandinski erwies sich als eine prägende Kraft der modernen Malerei.

- © apa / afp / Vincenzo Pinto

Die gesamte russische Kultur basiert auf diesen Polen, die sich städtebaulich im französischen St. Petersburg und im russischen Moskau manifestieren. Dass die bolschewistische Führung 1918 die Hauptstadt vom zaristischen St. Petersburg nach Moskau verlegte, war ein doppeltes Symbol für das russische Volk, das gewohnt war, Zeichen zu deuten: Nicht nur die Zarenherrschaft war zu Ende, hieß das, es war auch ein Signal für einen betont russischen Weg, auf dem zwar Peter I. als Modernisierer erhalten blieb, doch der ganz und gar nach Frankreich und, im Schiffsbau, nach den Niederlanden ausgerichtete Herrscher wurde nachhaltig russifiziert.

Der Kulturaustausch freilich fand zu diesem Zeitpunkt längst statt und würde noch länger stattfinden, und diesmal waren es westliche Künstler, die sich der Errungenschaften russischer bedienten: Der französische Komponist Claude Debussy erwählte den betont russischen, von mitteleuropäischen Kompositionsregeln freien Modest Mussorgski zu einem seiner Vorbilder. Anton Tschechow wirkte ein auf so unterschiedliche Autoren wie James Joyce und Katherine Mansfield und liefert den Surrealisten und dem Theater des Absurden ebenso Modelle wie Ernest Hemingway für seine Short Storys. In der Ästhetik von Bühnenaufführungen kommt niemand am realistischen Theater Konstantin Stanislawskis und am antirealistischen Wsewolod Meyerholds vorbei, in der Malerei niemand an der russischen Moderne eines Wassili Kandinski, eines Kasimir Malewitsch, eines Marc Chagall.

Die nunmehrige Sowjetunion bezirzt den Westen mit Ballettstars wie Maja Plissezkaja, Rudolf Nurejew, Mikhail Baryschnikow, Dirigenten wie Evegenij Swetlanow und Kirill Kondraschin, mit Pianisten wie Swjatoslav Richter, mit Sängerinnen wie Galina Wischnewskaja, mit ihrem Mann, dem Erzengel der Cellisten Mstislaw Rostropowitsch, und mit zwei der bedeutendsten Komponisten aller Zeiten, Sergej Prokofjew und Dmitri Schostakowitsch, während Igor Strawinski im Geist Russe bleibt, aber mit der Sowjetunion nichts zu tun haben will.

Die Kunst der Unterscheidung

Gleiches gilt für etliche Emigranten und Dissidenten, die dennoch Botschafter ihrer Heimat bleiben. Allmählich lernt man im Westen zu unterscheiden zwischen Russland und der Sowjetunion, man lernt sogar zu differenzieren zwischen sowjetischen Künstlern, die sich für das Regime begeistern, solchen, die mit fallweisen Ergebenheitserklärungen mitschwimmen, um nicht unterzugehen, und solchen, die ihre Distanz durch unüberhörbares Schweigen ausdrücken.

Man hat schon geglaubt, diese Lehren als veraltet entsorgen zu können. Doch schon seit geraumer Zeit sollte man sie ausmotten und auf das Russland der Gegenwart anwenden, dem man die Ehre antun sollte, zwischen Russland und einem Putinistan zu unterscheiden. Man kann Russe sein und sich zu seiner Heimat und ihrer Kultur bekennen, ohne Sympathien für ihren derzeitigen Präsidenten aufzubringen. Es ist sogar möglich, Putins vernünftige Maßnahmen vor allem zu Beginn seines Machtantritts zu respektieren, aber aus tiefster russischer Seele zu verachten, wozu es sich entwickelt hat. Russen und ihre Künstler haben seit der Zeit der Zaren diese bitteren Lektionen wieder und wieder lernen müssen.

Es ist, nicht zuletzt auch für den Westen, eine Frage der Differenzierung. Zumal angesichts von Positionen wie der Jelena Kowalskajas, Zemfiras, Wladimir Urins und etlicher anderer deutlich wird, dass nicht die Russen Krieg gegen die Ukraine führen. Das macht Wladimir Putin.