Wer am Donnerstag ein Klassik-Konzert besuchte, der nahm Teil an einem europäischen Friedensgruß. Führende Konzerthäuser, wie auch der Wiener Musikverein, schlossen sich für eine Geste der Solidarität zusammen. So wurde im Goldenen Saal die ukrainische Nationalhymen gespielt und für eine Minute geschwiegen. Intendant Stephan Pauly und Dirigent Semyon Bychkov, der Pultstar russischer Herkunft, sprachen sich für ein friedvolles Miteinander aus. Bychkov betonte, dass Musik verbindet und in diesem Moment ausdrücken soll, dass die Betroffenen nicht allein sind.

Mit diesem besonderen Ereignis startete die mehrtägige Reihe "Grenzgänge", die die Musikwelt Tschechiens beleuchtet. Kein Werk vermag die Landschaft des Nachbarstaats so erfahrbar zu machen wie "Mein Vaterland" von Bedřich Smetana: Die Verzauberungskraft dieser symphonischen Dichtung ist konkurrenzlos, und die Tschechische Philharmonie vermittelt sie auf höchstem Niveau. Die brillierenden Harfen zeigen gleich zu Beginn, was es bedeutet, Saiten in diesem Orchester zu spielen, die Geigen folgen intensiv: Kein Musiker sticht aus diesem Tutti hervor, einem absolut synchronen und samtig weichem Klang. Die Flöten bringen die "Moldau" rasant zum Fließen: Jeder Tropfen erklingt in einer Perfektion, die eine CD-Einspielung nicht überbieten könnte. Es irritiert nur ein wenig, dass einige Orchestermusiker nach dem dritten Teil - er gilt der Sage von Šárka, einer männermordenden Amazonenkönigin - die Plätze wechseln.

Wie ein agiler Jugendlicher

Der 69-jährige Bychkov dirigiert wie ein agiler Jugendlicher, dessen Hinterkopflocken den Bewegungen wippend folgen. Sowohl der mollig-warme Klang als auch die Schweigeminute dieses Abends werden tief in den Herzen des Publikums bleiben.