Wüsste man es nicht besser, man könnte dieser Tage einen neuen Stern am Dirigentenhimmel vermuten - einen Künstler mit den Initialen
N. N. Unlängst waren die zwei Buchstaben auf der Homepage der Wiener Philharmoniker aufgetaucht: N. N., so war zu lesen, leite eine Konzertreihe des Spitzenorchesters in den USA. Wenig später hatte es N. N. dann auch schon auf die Seite des Wiener Musikvereins geschafft. Dort ist er als Dirigent jener beiden Auftritte gelistet, die die Münchner Philharmoniker Mitte März bestreiten.

Natürlich gibt es N. N. nicht. Die Buchstaben zeigen eine unbesetzte Stelle an, sie stehen für die lateinischen Worte "Nomen nominandum", gemeint ist auf Deutsch: Ein Name ist noch zu nennen.

Erst gefeiert, dann verjagt

Dass das Kürzel momentan so gehäuft auftritt, hat vor allem mit einem Mann zu tun. Valery Gergiev, bisher vielgebucht zwischen New York und Wien, hat in der westlichen Welt ausgespielt, und das schlagartig. Jahrzehntelang war es dem Westen herzlich egal, dass der langjährige Leiter des St. Petersburger Mariinski Theaters ein Naheverhältnis zum russischen Präsidenten Wladimir Putin unterhält und diesem auch die Stange hielt, als der die Krim annektiert. Nun aber, mit Beginn des Ukraine-Kriegs, ist sein Stern gefallen. Sowohl in München, wo er die Philharmoniker leitete, als auch an der Mailänder Scala wurde Gergiev zur Distanzierung von Putins Krieg gedrängt. Doch er schwieg und verlor in einem Dominoeffekt praktisch alle West-Engagements.

Auch Anna Netrebko ist in diese Bredouille geraten. Zwar kombiniert sie ihre Weltkarriere nicht mit einem Chefposten in Russland. Doch dass sie 2014 vor einer Separatistenflagge aus der Ostukraine posierte und auch Kreml-Nähe bewies, schuf ihr Ungemach. Die Termine der nächsten Monate hat sie allesamt gestrichen - wohl, um Absagen zuvorzukommen. Zugleich hat Netrebko mit einem Schlingerkurs von sich reden gemacht: Erst forderte sie auf Instagram das Kriegsende, dann löschte sie den Text. Die New Yorker Met hat am Donnerstag erklärt, Netrebko womöglich auf Lebenszeit die Bühne zu verwehren.

Gergiev und Netrebko sind freilich nur die Spitze eines Eisbergs. Wie umgehen mit russisch-stämmigen Künstlern? Zwar haben sich manche klar gegen den Krieg ausgesprochen, wie Evgeny Kissin, Kirill Petrenko und Semyon Bychkov. Doch nicht alle äußern sich. Und nur wenige sind so unabhängig von russischem Geld, um sich eine Distanzierung leisten zu können.

Im Westen scheint sich ein Konsens herauszubilden, nämlich: offensichtliche Sympathien für diesen Krieg nicht zu tolerieren. Stephan Pauly, Intendant des Wiener Musikvereins, sagt: "Es geht nicht um einen Generalverdacht gegenüber russischen Künstlern, es geht nicht um Nationalität. Es geht darum, dass Künstler, die sich mit diesem Krieg oder seinen Betreibern und deren Zielen identifizieren, nicht im Musikverein auftreten dürfen." Natürlich habe jeder in einem Rechtsstaat das Recht auf eine eigene Meinung. "Aber das hier ist etwas anderes, wir haben es mit einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg in Europa zu tun, da ist eine rote Linie überschritten." Derzeit wird ein neuer Dirigent für das Gastspiel der Münchner Philharmoniker gesucht; Gergievs Termine für die nächste Musikvereins-Saison sind gestrichen.

"Keine Pauschalverurteilung"

Das Konzerthaus, das ab Montag eine Woche der Solidarität mit den Menschen in der Ukraine veranstaltet, hält es ähnlich: "Eine pauschale Be- oder Verurteilung aller aus Russland stammenden oder tätigen Künstlerinnen und Künstler hilft niemandem", sagt Intendant Matthias Naske. "Damit würden wir nur erlauben, dass der russische Präsident das ganze Land in Geiselhaft behält. Ich glaube viel eher daran, dass es einer Stärkung der zivilgesellschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und der demokratischen Welt bedarf." Wie will das Konzerthaus mit Künstlern umgehen, deren Einstellung zweifelhaft ist? Man werde "wie bisher im Einzelfall" beurteilen, ob die Haltung eines Gasts mit dem Selbstverständnis des Hauses im Einklang stehe oder nicht. Ob das für 2. Juli geplante Netrebko-Konzert (organisiert von einem Fremdveranstalter) stattfindet, sei noch offen. Naske: "Ich stehe mit dem Veranstalter in Kontakt, und dieser versicherte, dass an einer Lösung gearbeitet wird."

Auch in den Bundesländern ziehen Konzerthäuser Konsequenzen. "Wer sich auf die Seite des Aggressors stellt, hat keinen Platz auf den Bühnen des Brucknerhauses", heißt es auf der Homepage der Linzer; man beende sofort die lange Partnerschaft mit dem Haus der Musik Sankt Petersburg. Der Musikverein Graz teilt mit, man verurteilt "die russische Aggression auf das Schärfste". "In der aktuellen Saison kommt es zu keinen Absagen, aber wir beobachten die Lage ganz genau", heißt es aus dem Haus mit den guten ukrainischen Kontakten. Noch vor wenigen Jahren hatte Generalsekretär Michael Nemeth das Youth Symphony Orchestra of Ukraine zu Gast: Unter dem Dirigat der patriotischen Oksana Lyniv hatte es Beethovens Neunte Symphonie mit fast 200 Landsleuten aufgeführt.

Und die Salzburger Festspiele? Fühlen sich ihren internationalen Gästen und Künstlern verpflichtet. Aber: "Wir sehen keine Grundlage für eine künstlerische oder wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Institutionen oder Einzelpersonen, die sich mit diesem Krieg, dessen Betreibern und deren Zielen identifizieren." Konkret dürfte es heuer keine Umbesetzungen geben, Auftritte von Netrebko und Gergiev waren ohnedies nicht geplant. Das Festival beteuert, kein Geld von Kriegsbefürwortern zu beziehen. Zwar hatte es 2019 Gazprom als Sponsor "gewonnen". Doch der Energieriese sollte nur eine Produktion von "Boris Godunow" unterstützen, die nicht zustande kam. Kein Euro sei geflossen - was heute als Glücksfall gelten darf.