Wo, zum Kuckuck, hat sich diese Aufnahme die ganze Zeit über versteckt? - Also: Es gibt eine Einspielung der Operette "Das Lied der Liebe" von Erich Wolfgang Korngold. Wobei "von Erich Wolfgang Korngold" ein gewisser Etikettenschwindel ist. Denn es handelt sich um eine, freilich weitreichende, Bearbeitung von Johann Strauß’ "Das Spitzentuch der Königin", um die Strauß’ Witwe Adele den Komponisten der "Toten Stadt" gebeten hat.

Korngold hat mehrere Strauß-Operetten, etwa "Die Nacht in Venedig", bearbeitet, ohne sie umzuschreiben. Das "Lied der Liebe" jedoch ist eine Umformung, er verkorngoldet sozusagen dieses mittelprächtige Strauß-Werk: Es gibt ein neues Libretto, dazu integriert Korngold Musik, die nicht für das "Spitzentuch" gedacht war, und er übermalt Melodie und Harmonie auf eine Weise, die der Operette der Zwischenkriegszeit entspricht, große Nummer für Richard Tauber inklusive. Das Ergebnis klingt mehr nach Franz Lehár als nach Johann Strauß - aber es ist ein wunderbar nostalgischer Tonfall, berührend, schön, von edler Süße.

Erich Wolfgang Korngold Das Lied der Liebe (Rondeau)
Erich Wolfgang Korngold Das Lied der Liebe (Rondeau)

Der Einspielung liegt eine Aufführung der Musikalischen Komödie Leipzig zugrunde, ein Erzähler ersetzt die langen Dialoge. Gesungen wird tadellos, Stefan Klingele am Pult ist bemüht, Steifheiten zu vermeiden, und es wäre sicher vermessen, nach größeren Stimmen und einem opulenteren Orchesterklang zu verlangen. Was hier zählt, ist die Entdeckung eines herrlichen Stücks.

Emmerich Kálmán Gräfin Mariza (cpo)
Emmerich Kálmán Gräfin Mariza (cpo)

Im Fall der Neueinspielung von Emmerich Kálmáns "Gräfin Mariza" ist das anders: Das Werk ist bekannt - glaubt man, bis man diese Aufnahme gehört hat und erkennt, mit welch inspirierter, glänzend instrumentierter Musik man es hier zu tun hat. Das liegt vor allem am Dirigenten Ernst Theis. Theis, Österreicher und nicht nur Operetten-Spezialist, sondern auch einer für die neue Musik der 1920er-Jahre, entfernt alle Repertoire-Schlampereien, die sich bei solch einem Dauerbrenner unweigerlich einschleichen. Zum ersten Mal auf einer Aufnahme klingt Kálmáns Musik so, wie er sie komponiert hat.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Da kommt ins Gedächtnis, dass Kálmáns Studienkollegen zwei Komponisten ganz anderen Fachs waren, nämlich Béla Bartók und Zoltán Kodály. Alle drei interessierten sie sich für die ungarische Volksmusik und die sogenannte Zigeunermusik: Bartók entwickelte daraus einen individuellen Expressionismus, Kodály einen neuen Klassizismus, und Kálmán eine gleichsam transzendierte Unterhaltungsmusik. Theis und seine phänomenalen Solisten Betsy Horne, Lydia Teuscher, Pia Viola Buchert, Mehrzad Montazeri und Peter Schöne, alle mit festem Standbein auf der Opernbühne, begreifen das: Sie feuern zwar die Rhythmen an und lassen den melodischen Strom fließen, das gewohnte Operettenschmalz aber ist Vergangenheit. Details, über die sonst hinweggespielt und hinweggesungen wird, entwickeln sich zu veritablen Energiespendern. Mit einem Mal funkeln vermeintlich abgespielte Nummern wie "Wenn es Abend wird, wenn die Sonne sinkt", "Komm mit nach Varazdin" oder "Komm Zigan, spiel mir was vor!" in allen Farben. Diese Einspielung der "Mariza" stellt alle anderen in den Schatten. Nur eine Operette sei das? - Welch ein Meisterwerk!