Diktaturen sind super! Und in Demokratien die opportune Meinung bedienen. Und überhaupt: Aus der Entfernung ist so gut zu kritisieren, wie man Beethoven-Sonaten klavierspielen und Mahler-Sinfonien dirigieren kann. Weshalb gelten Künstler als politisch besonders sensibel? Die Geschichte lehrt das Gegenteil: Immer wieder erwiesen sich gerade Künstler als politische Idioten, als Opportunisten, als Maskottchen der Machthaber. Ungeachtet dessen pocht das deutschsprachige Feuilleton auf seinen Imperativ: Der Künstler hat sich politisch zu äußern. Nebst einer Beethoven-Interpretation hat er Expertisen zu Donald Trump und Wladimir Putin, zur Flüchtlings- und zur Corona-Krise abzugeben, natürlich gemäß der gerade vorherrschenden Moral.

Künstler und Helden

"Unglücklich das Land, das Helden nötig hat", lässt Bertolt Brecht seinen Galileo Galilei sagen. Noch unglücklicher freilich das Land, dessen Künstlern man Heldentum abverlangt, und sei es auch nur eines in Form von politischen Statements.

Doch allzu oft sind es nicht Künstler, die von Diktaturen geknechtet werden, wie etwa der Komponist Dmitri Schostakowitsch oder die Dichterin Anna Achmatowa, die in beständiger Angst um ihr eigenes Leben und das ihrer Angehörigen in der Sowjetunion ausharrten; allzu oft bedeuten Diktaturen für Künstler auch Chancen.

Die Begeisterung von Künstlern für undemokratische Systeme beginnt mit den Verehrungen der römischen Caesaren, wenn Vergil seine "Aeneis" auf Augustus münzt, setzt sich fort über die Opern von Jean-Baptiste Lully und Jean-Philippe Rameau mit ihren Preisungen Ludwigs XIV. und mündet in Werner Egks Musik zum NS-Weihespiel "Job, der Deutsche".

Es waren keineswegs nur die Nationalsozialisten, die sich des Propagandaeffekts der Kunst bedienten und von Künstlern wie Richard Strauss, Wilhelm Furtwängler oder Herbert von Karajan bedient wurden: Kantaten zum Lobpreis der Sowjetunion, Lenins, der Oktoberrevolution und dergleichen entstanden ebenso in der Diktatur gegenüber. Auch dort hatte die Kunst der Politik zu dienen, und manch ein Künstler glich die Mängel seiner Begabung aus durch eine besondere Nähe zur Kommunistischen Partei und ihren Exponenten.

In all diesen Fällen wäre es freilich eine eigene Untersuchung wert, ob die Künstler, auch die relevanten, eine andere Wahl gehabt hatten. Aus räumlicher und zeitlicher Entfernung ist gut Stäbe brechen.

Naturgemäß ist es ein Unterschied, ob sich ein Künstler mit einer Politik, die er als unrechtmäßig bis verbrecherisch erkennen muss, mehr gemein macht als unbedingt notwendig, wie etwa NSDAP-Mitglied Nummer 1.526.987 (Heimito von Doderer) oder der Maler Emil Nolde, der 1933 einen "Entjudungsplan" entwirft und seinen Konkurrenten Max Pechstein beim Propagandaministerium als Juden denunziert (fälschlich, übrigens), oder ob man halbwegs sauber durchtauchen will wie der Komponist Carl Orff oder der Schauspieler Hans Moser.

Gleiche Bilder entstehen in der Sowjetunion und ihren Trabantenstaaten: Viele Mitläufer, viele, die es sich richten, weil, da kein Ende in Sicht, ein Arrangement mit dem Regime förderlich ist; und einige, die sich unterstützend hervortun, wie der russische Komponist Tichon Chrennikow oder der DDR-Autor Johannes R. Becher.

Doch selbst in diesen Fällen muss man individuell differenzieren: Inwiefern darf man einem Künstler Feigheit zugestehen, sobald er ins politische Räderwerk geraten ist? Der österreichische Dramatiker Richard Billinger mag als Beispiel dienen, dessen glänzend gemachte Stücke scheinbar ins Blut-und-Boden-Konzept der Nationalsozialisten passen, womit er auf deren kunstpolitischer Bühne steht - und in panische Angst verfällt, dass bei all der Aufmerksamkeit seine Homosexualität ans Licht kommt.

Wie aber steht es um Künstler, die, geografisch fern aller Diktaturen, für sie, ohne persönliche Not, Sympathien entwickeln? Der deutsche Komponist Hans Werner Henze etwa, der sich als bekennender Homosexueller für Kuba begeistert, wo Homosexuelle gefoltert werden: In seiner Villa in Italien schwärmt er, umgeben von teuersten Rassehunden, vom Kommunismus, weil, wie er sagt, ein Kommunist im Rolls Royce einem Faschisten im Panzer vorzuziehen sei.

Wer ist ein Beethoven?

Überhaupt scheint es, als würden sich zahlreiche Künstler und Intellektuelle in den Che Guevara verlieben, wie ihn Alberto Cordas ikonisches Foto zeigt, und dabei ausblenden, dass der ausgebildete Arzt und Berufsrevolutionär hunderte Menschen ohne Gerichtsverfahren zum Tod verurteilte. Der laut Jean-Paul Sartre "vollkommenste Mensch unserer Zeit" folterte und tötete auch eigenhändig.

Während seinerzeit Ludwig van Beethoven die Widmung an Napoleon aus dem Notenpapier der Dritten Sinfonie herauskratzte, als er dessen diktatorische Bestrebungen erkannte, begeistern sich Künstler mit gutem Auskommen in westlichen Demokratien für östliche Diktaturen. Manche sprechen sich offen für den Kommunismus aus, wie der englische Komponist Alan Bush oder der US-amerikanische Marc Blitzstein. Manche bleiben sogar unbelehrbar in Hinblick auf den Nationalsozialismus, wie der französische Schriftsteller Louis-Ferdinand Céline, oder, in Bezug zum Faschismus, der US-Dichter Ezra Pound, den ausgerechnet der italienische kommunistische Dichter und Filmregisseur Pier Paolo Pasolini verehrt.

Gefährliche Querständigkeit

Das alles war einmal. Mittlerweile hat sich die Tagesordnung geändert. Künstler stehen in der Regel nicht mehr quer zum Meinungs-Mainstream, sondern passen sich stromlinienförmig an. Der Pianist Igor Levit etwa twittert zumindest gefühlt öfter, als er Klavierabende bestreitet, welche Meinung er zu welchem gerade relevanten Problem hat und spricht, von seinen Followern bejubelt, dem politischen Feuilleton aus der Seele. Autoren wie J. M. Coetzee und Ian McEwan, Reihen von Schauspielern, Regisseuren, Rock- und Popkünstlern lassen wissen, wo sie politisch stehen. Und das ist nahezu immer der Ort der vorherrschenden Moral. Fast sehnt man sich, auch, wenn man anderer Meinung ist, nach dem einen Reibebaum, nach der einen Stimme, der man aus vollem Herzen widersprechen und in der Formulierung des Widerspruchs die eigenen Gedanken vom Bauch in das Hirn zurückführen kann. Aber Querständigkeit kann ein künstlerisches Todesurteil bedeuten.

Zumal der Künstler so oder so längst in der vom Feuilleton aufgestellten Politikfalle sitzt. Die Interpretation des Kommentators folgt auf das Wort so wie auf das Schweigen. Das Heulen mit den Wölfen scheint da manch einem noch die beste Musik.