Wer die Opfer des Ukraine-Kriegs von einem Konzertsaal aus unterstützen will, hat derzeit reichlich Gelegenheit. Den Anfang macht am heutigen Donnerstag ein Benefiz des Konzerthauses mit Lokalmatadoren wie Willi Resetarits und Ernst Molden, der Musikverein setzt am 22. März mit einem Defilee von Klassik-Stars wie Pianist Jewgeni Kissin, Geiger Gidon Kremer, Sopranistin Christiane Karg und Bass Florian Boesch nach. Pop-Veranstalter Ewald Tatar wiederum versammelt am 19. März im Wiener Happel-Stadion ein All-Star-Aufgebot der heimischen Szene, darunter Publikumsmagneten wie Bilderbuch, Wanda, Seiler & Speer und Pizzera & Jaus. Am 20. März lädt zudem die Wiener Stadthalle zu einem Wohltätigkeitsabend mit Musical-Stars und namhaften Klassiksängern wie Rolando Villazón.

Und, nicht zu vergessen, ein Konzert im Festspielhaus St. Pölten. Das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich wird am Sonntag mit einigen Stargästen zugunsten von "Nachbar in Not" auftreten, den Taktstock führt ein Mann aus dem leidgebeutelten Land - Mykola Diadiura, im Jahr 1961 in Kiew geboren und in seiner Heimatstadt Chefdirigent der derzeit geschlossenen Staatsoper.

Beethoven am zweiten Kriegstag

Wie das Tonkünstler-Orchester ausgerechnet auf ihn gekommen ist, weiß er nicht: "Sie riefen mich an, und ich sagte gleich ja", erzählt Diadiura am Telefon, Nachsatz: "Musik ist jetzt meine Waffe." Das ist eine harte, aber auch nachvollziehbare Aussage: Diadiura ist als Musiker im Ausland gestrandet. Der Ukrainer war kurz vor Kriegsbeginn ins polnische Bydgoszcz (Bromberg) gereist, um das dortige Orchester zu dirigieren. "Ich fuhr am 20. Februar los, am 24. hat der Krieg begonnen". Für den Folgetag war der Auftritt in der achtgrößten polnischen Stadt angesetzt - und hat dann auch stattgefunden. Das sei nicht einfach gewesen, sagt Diadiura, aber die Polen hätten ihm geholfen. Wurde das Programm kriegsbedingt verändert? Nein, man sei bei Beethovens Fünfter Symphonie geblieben. Aber diese heroische Musik, gespielt von Polen mit Ukraine-Fahnen am Revers, hätte für sich gesprochen. "Es war ein sehr dramatisches Konzert, das kann ich sagen", erklärt Diadiura. Immerhin: Mittlerweile ist er wieder mit seiner Frau vereint. Auch sie hat es nach einer schwierigen Flucht ins Nachbarland Polen geschafft, das Diadiura für dessen Hilfsbereitschaft rühmt und auf der Homepage der Philharmonie Bydgoszcz gar sein "zweites Zuhause" nennt.

Wo halten sich seine Freunde und Musikerkollegen auf? Unterschiedlich. Einige seien im Westen des Landes, manche im Ausland, andere in Kiew. "Die dortige Philharmonie und die Oper sind geschlossen, es gibt natürlich keine musikalischen Aktivitäten mehr." Und was wird er selbst jetzt tun? Seit zehn Jahren firmiert Diadiura als Musikdirektor der Staatsoper in Kiew, hat dort nicht nur dirigiert, sondern auch inszeniert; davor war er lange Jahre Chefdirigent der örtlichen Philharmoniker - eine Konstante in der Klassikszene seiner Heimat, trotz Tätigkeiten im Ausland. Diadiura ringt auf die Frage nach Worten: "Bitte verstehen Sie, das ist schwierig. Jeden Tag ändert sich die Situation. Wenn ich als Musiker helfen kann, dann tue ich das. Wenn das nicht genug ist, dann werde ich zurückkehren."

Und wie nimmt er die Rolle der westlichen Länder wahr, helfen diese genug? Auch das sei nicht einfach zu beantworten. Diadiura denkt jedenfalls, die Welt hätte allen Grund dafür, sein Land zu unterstützen. Dies sei nicht nur ein kriegerischer Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, sondern "zwischen Russland und der Welt". Trotz solcher drastischen Worte zeigt sich der Dirigent zuversichtlich: "Es war kein Blitzkrieg von 48 Stunden. Wir haben jetzt schon zwei Wochen. Darum sage ich immer wieder: Wir werden gewinnen. Sicher."