Daniel Barenboim hat zuletzt eindringlich gewarnt. Wir befänden uns in einer "grauenhaften Zeit", sagte der Chefdirigent der Staatskapelle Berlin am Beginn eines Benefizkonzerts in der Staatsoper Unter den Linden. Die Politik Russlands "müssen wir laut und deutlich verurteilen und uns eindeutig davon distanzieren". Gleichwohl gelte: "Eine Hexenjagd auf russische Menschen und Kultur dürfen wir nicht zulassen." Aufkeimende Verbote und Boykotte wecken in ihm, dem 79-jährigen Nachfahren osteuropäischer Juden, die vor Pogromen geflohen waren, die "allerschlimmsten Assoziationen".

Eine solche Ausgrenzung wäre tatsächlich fatal. Und sie träfe nicht nur die Befürworter des russischen Präsidenten Wladimir Putin, sondern in einem Kollateralschaden etliche Landsleute - darunter wohl viele, die aus Existenzgründen in ihrer Heimat nicht öffentlich Stellung gegen den Krieg beziehen.

Außerdem wäre ein solches, auf Neudeutsch gesagt, pauschales Russen-Canceling ein beispielloser Aderlass für die Klassik-Branche. Alleine im Klavierfach: Was wäre die Kunstmusik ohne den Tastengott Grigori Sokolov (Konzertkritik siehe Seite 22), ohne den Klangtüftler Arcadi Volodos, ohne den Übervirtuosen Daniil Trifonov oder den Meistergestalter Nikolai Luganski?

Nikolai Luganski Beethoven - Piano Sonatas
Nikolai Luganski Beethoven - Piano Sonatas

Letzterer hat seine Klasse erneut mit einer Beethoven-Einspielung unter Beweis gestellt. Gut, die Programmwahl zeugt nicht von Wagemut: Die "Sturm"-, "Mondschein-Sonate" und "Appassionata" zählen zu den abgespieltesten Stücken des Beethoven-Kanons. In Luganskis Aufnahmen lassen sie dennoch aufhorchen. Allein der Kopfsatz der "Mondscheinsonate": Was sonst silber-zart dahinfließt, gewinnt hier unverhofft an Gewicht und Tragik, in den Betonungen der rechten Hand scheint sich regelrecht Entsetzen zu artikulieren.

Pablo Barragán, Sophie Pacini
Pablo Barragán, Sophie Pacini

Als Hauptattraktion darf allerdings die "Appassionata" gelten. Luganski formt sie nicht zu einem Parcours der Schönheit, sondern zu einem Thriller voll unnachgiebiger Spannung und nervenzerfetzender Wendungen - Überraschungen, die der Russe mal verblüffend geschmeidig, mal schneidend hart gestaltet: Allein, wie er die Musik am Ende des Finales scheinbar ermatten und dann die bissige Coda von der Leine lässt, qualifiziert ihn für einen Beethoven-Preis.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

In einem Interview im Jahr 2015 hat er übrigens erklärt, der Welt vor allem "etwas Positives über Russland" vermitteln zu wollen. Luganski dürfte nicht geahnt haben, was das noch für eine Schwerarbeit werden würde.

Wer derzeit einen Gemütsaufheller sucht, kann sein Glück auch in der Klassik finden. Der andalusische Klarinettist Pablo Barragán und die deutsch-italienische Pianistin Sophie Pacini servieren Musik des 20. Jahrhunderts, die sich aus dem Fenster der Tonalität lehnt, aber nicht auf dem herben Terrain der Zwölftonmusik siedelt. Ein Garant des Frohsinns ist dabei die Klarinettensonate von Francis Poulenc - pfiffig im Kopfsatz und am Schluss dermaßen grotesk, dass sie den Zirkusauftritt eines Pudels trefflich untermalen würde. Eine Entdeckung zudem die Flötensonate des Russen Sergei Prokofjew, hier für Klarinette arrangiert: ein Meisterwerk der wonnigen Lyrik und treibenden Rhythmen.