Der in Moskau geborene Dirigent Michail Jurowski ist, wie erst jetzt bekannt wurde, am 19. März in Berlin gestorben. Jurowski war ein Allrounder, ein Kapellmeister im besten Sinn des Wortes, der sich in Musik aller Zeiten und Stilrichtungen bewährte und eine umfangreiche Diskographie vorlegte.

Jurowski wurde am 25. Dezember 1945 als Sohn des Komponisten Wladimir Jurowski geboren. In seiner Jugend spielte er mit Dmitri Schostakowitsch vierhändig Klavier. Er assistierte dem Dirigenten Gennadi Roschdestwenski und leitete Aufführungen am Moskauer Stanislawski-Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheater (das in etwa der Wiener Volksoper entspricht) und am Bolschoi-Theater.

Übersiedelung nach Deutschland

1978 wurde Jurowski als ständiger Gastdirigent an die Komische Oper Berlin verpflichtet, von dort 1989 an die Semperoper Dresden. Das war für ihn ein Anlass, mit seiner Familie nach Deutschland zu übersiedeln.

Hier setzte sich seine Karriere konsequent fort: Generalmusikdirektor und Chefdirigent der Nordwestdeutschen Philharmonie in Herford; Generalmusikdirektor des Volkstheaters Rostock;  ständiger Gastdirigent beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. 1999 bis 2001 war er Chefdirigent der Oper Leipzig, ab 2001 ständiger Dirigent an der Deutschen Oper Berlin, 2006 bis 2008 Chefdirigent des WDR Rundfunkorchesters Köln.

Auch in Österreich war Jurowski tätig: Er leitete zahlreiche Aufführungen mit dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, dessen Erster Gastdirigent er in der Saison 2003/2004 war. Weitere Engagements führten Jurowski nach Skandinavien, Argentinien, Brasilien und in die Schweiz.

Jurowski war mit Eleonora Dmitrievna Taratuta verheiratet, seine Söhne Dmitri und Wladimir sind ebenfalls Dirigenten, Wladimir gilt als einer der führenden Dirigenten der Gegenwart und ist derzeit Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München. Seine Tochter Maria ist Pianistin und Pädagogin.

Ein Mann für jede Musik

Jurowski hatte die besondere Gabe, sich in jeden Stil einfühlen zu können. Er dirigierte Operetten von Franz von Suppé ebenso brillant wie nachromantische Exzesse Emil Nikolaus von Rezniczeks, Spät-Veristisches von Ottorino Respighi ebenso wie Neoklssizistisches von Sergej Prokofjew.

Bei seinen Einspielungen erforschte er die Nischen: Franz Lehárs Oper "Tatjana" gehört dazu, die Symphonien von Ture Rangström und Wilhelm Peterson-Berger und Orchesterwerke von Berthold Goldschmidt. Und er kümmerte sich um die scheinbaren Nebenwerke der großen Komponisten, er nahm Schostakowitschs Kantate "Stenka Rasin" auf, seine Filmmusiken und Orchesterlieder, Entlegenes von Prokofjew (etwa die gesamte Ballettmusik "Auf dem Dnjepr") und Giacomo Meyerbeers Bühnenmusik zu "Struensee".

Ob live oder in Aufnahmen: Mit sparsamer, aber unmissverständlicher Zeichengebung brachte Jurowski die Werke auf den Punkt. Er kannte keine Manierismen, es ging ihm immer darum, das Beste aus der Musik herauszuholen. Und er glühte und brannte für diese  Musik. Der Umfang seines Repertoires ist schier unüberschaubar.

"Wie eine Bohrmaschine"

Und er mutete sich auch zuviel zu: 1996 brach er während einer Aufführung von Modest Mussorgskis "Boris Godunow" an der Deutschen Oper Berlin mit einem Herzstillstand zusammen. Der Notarzt konnte den Dirigenten nach vier Minuten wiederbeleben. Sechs Monate später stand Jurowski wieder am Pult.  "Ich arbeite wie eine Bohrmaschine", resümierte Jurowski.   

Nun steht diese Bohrmaschine still. Es ist schwer, sich eine Musikszene ohne Michail Jurowski vorzustellen.