Offenbar will Russlands Präsident Wladimir Putin den Dirigenten Valery Gergiev für seine Treue mit der Führung des Bolschoi Theaters belohnen: Laut der russischer Nachrichtenagentur TASS sprach Wladimir Putin eine "Einladung" an den Dirigenten Valery Gergiev aus, er solle darüber nachdenken, ob er neben dem Mariinski-Theater in St. Petersburg mit mehreren Spielstätten, darunter auch ein neues Haus in Wladiwostok, zusätzlich das Bolschoi-Theater in Moskau übernehmen könne.

Wenn der 68-jährige Gergiev zusagt, wäre er gewissermaßen der allrussische Generalintendant. Eine derartige Machtposition im Musikleben gab es nicht einmal zu Zeiten der Sowjetunion. Man muss bis zur Zeit der Zaren zurückgehen: Nur damals standen beide großen Opernhäuser Russlands unter Leitung der Theaterverwaltung des Zaren. Im derzeitigen Geschehen mit Putins Krieg gegen die Ukraine inklusive täglicher Bombardements auch von zivilen Zielen ist die Leitung von russischen Opernhäusern zweifellos ein Nebenschauplatz - allerdings einer, der durchaus illustriert, in welchen historischen Kategorien Putin derzeit offenbar denkt. Zumal sowohl im zaristischen Russland als auch zu Zeiten der Sowjetunion die Nähe zu Potentaten ein Grund für Belohnung und eine Distanz einer für Bestrafung gewesen ist, und zwar unabhängig von der Begabung.

Die Sache hat umso stärkere Züge des Bizarren, als Putin höchstpersönlich erst im Jänner dieses Jahres dem Leiter des Bolschoi Theaters eine Verlängerung seiner Amtszeit zugestanden hat: Lev Urin leitete das Haus seit 2013. Der 74-Jährige sollte bis 2027 auf seinem Posten bleiben. Urin hat zwar den Ruf, ein Mann Putins zu sein, anders als Gergiev gilt er aber nicht als willfähriger Handlanger.

Unruhe am Bolschoi Theater

Diesem Ruf wurde Urin unlängst gerecht: Er sprach sich vom ersten Moment an deutlich gegen den Krieg aus. Dann verließ die Primaballerina, Olga Smirnova, das Haus. Der Chefdirigent des Bolschoi, Tugan Sochijew, ging noch weiter: Er demissionierte aus Protest gegen den Krieg und legte obendrein seine Chefdirigentenposition am Opernhaus Capitole in Toulouse zurück mit dem Argument, er wolle bei Engagements nicht aus nationalen Gründen entscheiden müssen.

Gergiev sind solche Überlegungen fremd. Nachdem es Sochijew aus moralischen Gründen nicht über sich bringt, weiterhin an der Spitze des Bolschoi zu stehen, ist Gergiev der Mann der Stunde. Umgehend ließ er seinen Präsidenten wissen: "Ich denke, dass die Tradition dadurch gestärkt wird. Unglaubliche junge Sänger und Tänzer füllen jetzt die Bühnen beider Theater auf. Wahrscheinlich ist es an der Zeit, darüber nachzudenken, wie man die Bemühungen koordinieren kann." Dann fügt er laut dem bayerischen Nachrichtenkanal BR24 hinzu: "Ich erinnere mich sehr gut, wie ein einstündiges Gespräch mit Viktor Tschernomyrdin, dem damaligen russischen Ministerpräsidenten, inmitten der schwierigsten und anstrengendsten Vorkommnisse im Nordkaukasus stattfand. Damals dachten wir darüber nach, wie wir vielleicht die Kräfte bündeln und die Verantwortung des Staates zeigen könnten. Es scheint mir, dass dies vielleicht weitreichende und wertvollste günstige Möglichkeiten haben kann." Das klingt danach, als habe Gergiev bereits zugestimmt.

Offenbar erinnern sich weder Putin noch sein Kulturbotschafter an den in Russland zur Redewendung gewordenen Satz Tschernomyrdins: "Man wollte das Beste, aber es kam das Übliche."