Wen das unverhoffte Comeback von Abba begeistert hat, der dürfte auch über die Geschichte von Ruth Slenczynska staunen. Gut - die US-Pianistin hat sich nicht 40 Jahre lang von der Weltbühne ferngehalten wie die vier Popstars aus Schweden. Doch sie vollzieht auf dem Plattenmarkt eine rekordverdächtig späte Rückkehr zu ihrem einstigen Dienstgeber: Rund 60 Jahre, nachdem Slenczynska das letzte Mal für Decca aufgenommen hat, legt sie nun bei dem Label ihr Soloalbum "My Life in Music" vor - und das im biblischen Alter von 97. Ein Kuriosum auf dem Plattenmarkt, der sein Portfolio bevorzugt mit jungen Gesichtern aufpeppt.

Slenczynska ist freilich nicht nur eine betagte Pianistin, sondern auch eine bedeutende Zeitzeugin, nämlich eine der wenigen, die noch aus eigenem Blick über die letzten Ausläufer der Spätromantik berichten können. 1925 in Kalifornien geboren und von einem ehrgeizigen polnischen Vater gedrillt, gab sie ihr erstes Klavierkonzert schon im Jahr 1929, am Beginn der Großen Depression, und fand ihren namhaftesten Lehrer in Sergei Rachmaninow: Der Flüchtling aus dem zaristischen Russland schenkte dem Mädchen nicht nur Einblicke in seinen Klavier-Kosmos, sondern als Beweis seiner Zuneigung auch eine Preziose - ein Halsband mit einem blauen Miniatur-Ei, das Slenczynska bis heute als Erinnerung an den letzten Star der russischen Romantik trägt. Slenczynska, als Heranwachsende auch auf Tuchfühlung mit dem Komponisten Samuel Barber und dem Klaviertiger Józef Hofmann, entwickelte sich zu einer Meisterpianistin des 20. Jahrhunderts - dokumentiert unter anderem auf Einspielungen aus den 50er Jahren, in denen sie Chopin mit federleichter Virtuosität feiert.

Ruth Slenczynska My Life In Music (Decca)
Ruth Slenczynska My Life In Music (Decca)

Nun bleiben solche Kräfte einem Pianistenleib nicht auf ewig erhalten, auch nicht einem Energiewunder wie Slenczynska. Wenn die zierliche Tastenveteranin heute ein Wuchtwerk wie Chopins "Grande Valse brillante" interpretiert, ist ein gewisser Intensitätsschwund nicht zu leugnen. Doch wo Slenczynska zu lyrischen Noten greift (und das gilt für die Hälfte ihres Albums), da erwärmt diese lebensfrohe 97-Jährige das Herz ihrer Hörerschaft. Das gilt für Rachmaninows Prélude op. 32/5 in G-Dur mit dem eigentümlichen Quintolenstrom ebenso wie für Chopins wohlige schaukelnde Des-Dur-Berceuse und nicht zuletzt für Claude Debussys Dreiminüter vom "Mädchen mit den Flachshaaren", der hier in schlichter, berückender Schönheit ertönt.

Selina Ott, Maria Radutu Concertos for Trumpet and Piano (Orfeo)
Selina Ott, Maria Radutu Concertos for Trumpet and Piano (Orfeo)

Die Pianistin Maria Radutu und die Trompeterin Selina Ott haben den langen Lockdown ab Herbst 2020 für Aufnahmen genutzt und sich mit dem diesbezüglich emsigen RSO Wien unter Dirk Kaftan zusammengetan; Prunkstück der CD ist eine quirlige Einspielung von Schostakowitschs Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester. Zugegeben: Das überdrehte Jugendwerk von 1933 ist schon mit einem süffigeren Saiten-Sound eingespielt worden. Dafür punktet das RSO mit einer kammermusikalischen Transparenz, und das Duo Ott und Radutu bleibt, hochpräzise und dynamisch fein abgestuft, dem schelmischen Schabernack Schostakowitschs nichts schuldig: ein tönendes Pointenfeuerwerk.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.