Dank muss sein: Wladimir Putin, der Präsident mit Groß-Russland-Gelüsten, der gerade die Ukraine ohne Rücksicht auf das Leben von Zivilisten und Soldaten, eigenen wie ukrainischen, in Schutt und Asche legen lässt, bedankt sich bei seinem treuen Musik-Vasallen, dem Dirigenten Valery Gergiev (deutsch transkribiert: Waleri Gergijew), für dessen Treue und trägt ihm an, zusätzlich zum St. Petersburger Mariinski-Theater auch das Moskauer Bolschoi Theater zu übernehmen. Dessen Leiter Lew Urin weiß somit, was es geschlagen hat. Urin hat sich gegen den Krieg in der Ukraine ausgesprochen und damit gegen Putin.

Das macht man mit Autokraten nicht ungestraft.

Eher macht man es so, wie die an sich seriöse "Literaturnaja Gaseta", in der Jurij Kagramanow seinen Präsidenten unter die mythischen Helden reiht: "Die Tat Alexanders des Großen, der den Gordischen Knoten mit seinem Schwert durchschnitt, wurde im Lauf der Geschichte von verschiedenen Persönlichkeiten [...] wiederholt [...]. Die Entscheidung Wladimir Putins, eine Sonderoperation in der Ukraine zu starten, war ein weiterer Akt dieser Art." Selbstverständlich geschieht das zum Wohl der Ukraine: "Ihre [die der Ukrainer, Anm.] Betonung der Tatsache, dass ,die Ukraine ganz Europa ist‘, wird im Laufe der Zeit unweigerlich [...] mit Bitterkeit erfüllt sein. Denn Europa [...] wird sein weißes Gesicht in den kommenden Jahrzehnten durch ein olivschwarzes ersetzen, was unweigerlich eine radikale Umstrukturierung seiner gesamten Kultur nach sich ziehen wird. Der Todesengel schwebt darüber."

Angesichts solcher Intonationen nimmt es nicht wunder, wenn immer wieder Autoren diese Zeitschrift nützen, um Putin ihrer Ergebenheit und Unterstützung zu versichern.

Fingerspitzengefühl gefragt

Das widerspricht dem westlichen Mainstream: Man spricht im Moment nur mit russischen Künstlern, die gegen Putin sind, fragt jedoch Künstler, die für Putin sind, nicht nach ihren Gründen. Wäre aber nicht auch das interessant? - Demokratien haben mit Künstlern, die in Diktaturen oder Autokratien leben, schon immer Schwierigkeiten gehabt. Es fehlt in demokratischen Systemen oft das Fingerspitzengefühl für Künstler, die mit autoritären Strukturen umgehen müssen.

Im Buch "Zeugenaussage" etwa berichtet der Komponist Dmitri Schostakowitsch, musikalisches Aushängeschild der Sowjetunion und als solches in die USA entsandt, um die Überlegenheit der sowjetischen Kunst in Fleisch und Blut zu repräsentieren, von der geradezu idiotischen Frage eines US-amerikanischen Journalisten, welche Meinung er, Schostakowitsch, über die Politik der Kommunistischen Partei habe. Was sollte der Komponist darauf antworten, wenn ihm Leib, Leben und Berufsausübung in seiner Heimat etwas bedeuten?

Diktaturen haben etwa ab dem Ende des Ersten Weltkriegs Kunst und Kultur als Nachweise der Überlegenheit entdeckt. Selbst der Nationalsozialismus versuchte in den ersten Jahren nach der Machtübernahme, mit Kunst und Kultur zu punkten. Natürlich war das in der Außenwirkung zum Scheitern verurteilt, wenn man gleichzeitig die bedeutendsten lebenden Künstler aller Sparten aus ethnischen Gründen außer Landes treibt und die verbliebenen ästhetisch dermaßen fesselt, dass bedeutende Werke nur Ausnahmefälle entstehen können.

Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass sowohl der Nationalsozialismus als auch die Diktatur der Kommunistischen Partei in der Sowjetunion den Künstlern eine hervorragende gesellschaftliche Position und erstklassige Arbeitsbedingungen gewährten, sofern sie sich den Doktrinen unterwarfen. Charakterliche Verbiegungen wurden in Kauf genommen.

Moralische Koordinaten

Aber es ist immer noch ein Unterschied, ob man, um aus gegebenem Anlass bei Russland zu bleiben, als Komponist die Partei mit Chorwerken zum Lob der KPdSU versorgt, wie es Schostakowitsch oder Sergej Prokofjew machten, Romane schreibt, die den Kommunismus verherrlichen, wie es Leonid Leonow oder Michail Scholochow (in "Neuland unterm Pflug") taten, oder ob man, wie der Komponist Tichon Chrennikow, die eigene kulturpolitische Machtposition benützt, um Kollegen, die sich avancierteren Kompositionstechniken verschreiben, in Verruf zu bringen.

Dennoch gingen in der Sowjetunion auch Avantgardismen durch, wenn es der Künstler verstand, sich persönlich mit den Machthabern in ein gutes Einvernehmen zu setzen. Der Komponist Rodion Schtschedrin etwa komponierte zur 100-Jahr-Feier Lenins die Kantate "Lenin ist unter uns" in einem sehr avancierten Stil. Heute gilt der mittlerweile 90-jährige Komponist als persönlicher Freund Putins und Gergiev gilt als sein begeisterter Befürworter.

Zauberwort Kulturaustausch

Der Westen verschloss vor den innersowjetischen Intrigenspielen geflissentlich die Augen. Man war beglückt, wenn Künstler emigrierten, man war ebenso beglückt, wenn die Sowjetunion zeigte, was sie hatte und was sie konnte: Bolschoi-Theater-Gastspiele gab es auch in Wien, man jubelte sowjetischen Sängerinnen, Sängern und Dirigenten zu und begriff nicht, unter welchem Druck selbst ein Künstlerehepaar wie die Sopranistin Galina Wischnewskaja und der Cellist und Dirigent Mstislaw Rostropowitsch standen, traten sie im Westen auf.

Jedenfalls funktionierte der Kulturaustausch von Ost nach West. In der anderen Richtung war es schwieriger: Herbert von Karajan zeigte den Moskowiten, wie man Schostakowitschs Zehnte Symphonie in West-Berlin spielt, und der Engländer Benjamin Britten, der nicht einmal Kommunist war, bekam, offenbar über Galina Wischnewskajas Vermittlung, vom Bolschoi Theater den Auftrag für eine Oper nach Lew Tolstois "Anna Karenina", der sich nur deshalb nicht realisierte, weil der überempfindliche Britten in Schtschedrins Ballett über denselben Stoff eine Konkurrenz witterte.

Für die sowjetischen Künstler aber herrschte kontinuierlich ein System von Zuckerbrot und Peitsche: Arrangierte man sich mit den Machthabern, stieg man zum gefeierten Vertreter der Nation auf, fiel man in Ungnade, konnte man die Existenzgrundlage einbüßen. Oft war dazu nicht einmal ein offizieller Beschluss notwendig. Es genügte, wenn die Vertreter von Orchestern und Opernhäusern Angst hatten, einen bestimmten Künstler zu engagieren, weil das als Kritik an der Führung ausgelegt werden könnte.

Wer schweigt, stimmt nicht zu

Ob solche Zustände nun wiederkehren, wird sich weisen. Es wird auch am Verhalten des Westens gegenüber russischen Künstlern liegen. Beharrt der Westen darauf, dass Engagements russischer Künstler, wenn überhaupt, nur über Anti-Putin-Bekenntnisse möglich sind, dann erzwingt das eine Entscheidung zwischen weiteren Auftritten in der Heimat und West-Engagements. Weitergedacht, kann es dazu führen, dass im Grund unpolitische Künstler sich für Putin aussprechen, weil sie sich lieber ein Standbein in ihrer Heimat sichern, als sich den von CD-Labels, Agenturen und, speziell im Fall von Künstlerinnen, auch Attraktivitätsgeboten beeinflussten West-Karrieren auszuliefern.

Vielleicht wäre es ein Gebot der Stunde, den Satz, dass zustimmt, wer schweigt, im Fall von Putins Russland umzudrehen wie zur Zeit der Sowjetunion: "Wer schweigt, stimmt nicht zu." Damals wie heute ist Schweigen für viele Künstler das Äußerste, was sie an Protest wagen. Autokratien nämlich schaffen ihre eigenen moralischen Koordinaten. Dass man sich im Westen von Künstlern, die, ohne persönliche Not, Putin deutlich zustimmen, lieber trennt, braucht kein Widerspruch zu sein. Putin ist nicht Russland, Putin ist Putin. Man darf erwarten, dass, wer sich zu ihm bekennt, die Konsequenzen bedacht hat.

In diesen Fällen werden die innerrussischen Belohnungen die Renommeeverluste im Westen ohnedies ausgleichen. Vorerst, zumindest.