Wie umgehen mit russischen Künstlern in Zeiten des Ukraine-Kriegs? Stephan Pauly, Intendant des Musikvereins, will die Kirche im Dorf lassen: Man werde sicher nicht jeden Besitzer eines entsprechenden Passes einem "Gesinnungstest" unterziehen, schon gar nicht unpolitische Köpfe. Nur: Wer sich früher für Wladimir Putin positioniert hat, "muss sich schon fragen lassen, wie er oder sie jetzt zur Situation steht." Und wer dann nicht auf Distanz zu einem völkerrechtswidrigen Krieg gehe, sei am Haus unerwünscht.

Die Anzahl der Stornos bleibt damit überschaubar: In der nächsten Saison sind nur Auftritte von Valery Gergiev und des Mariinski Orchesters abgesagt worden. Wobei auch ein Termin der St. Petersburger Philharmoniker gestrichen wurde. Der Musikverein will auch auf Ensembles verzichten, die sich finanziell aus staatlichen (oder staatsnahen) Rubel speisen.

Paulys Zukunftspläne sind vor allem auf zwei Ziele gerichtet: Einerseits soll der Musikverein seine "Weltklasse" unter den Klassikveranstaltern wahren, andererseits mehr Vielfalt kultivieren.

Vorhaben Nummer eins dürfte aufgrund der Prominenzfülle des nächsten Spielplans schon umgesetzt sein: Porträtreihen gelten Daniel Barenboim, Jewgeni Kissin und Isabel Faust sowie drei Vertretern der jüngeren Generation, nämlich Igor Levit, Lorenzo Viotti und der Dirigentin Elim Chan.

Die Diversität des Musikvereins soll nicht nur durch ein Plus an zeitgenössischer Musik wachsen (mit Mark Andre als zentralem Komponisten der Saison). Zudem sollen im Lauf der Spielzeit einige Schwerpunkte die Inhaltsfülle erweitern und dabei etwa im Juni 2023 die Ballets russes erklingen, bestritten vom originaltönenden Ensemble Les siècles. Das Musikverein Festival im nächsten Frühjahr lässt sich von einem Exponat aus dem Archiv des Hauses anregen, nämlich einem Medizinlöffel Beethovens, und kreist um Themen wie Krankheit, Heilung, Arznei und Zaubertränke.

Auch beim Thema Zielgruppen sucht Pauly neue Wege und richtet in einer Kooperation mit der Caritas erstmals Konzerte für Demenzkranke aus. Zugleich wird die Zusammenarbeit mit der Brunnenpassage beibehalten und weiterhin ein junges, migrantisches Publikum umworben.