Als "Groupe des Six" wurde in den 1920er Jahren eine Gruppe von Komponisten bezeichnet, die mehr durch Freundschaft als durch stilistische Gemeinsamkeiten verbunden waren - sieht man von einer cum grano salis neoklassizistischen Ästhetik ab: Arthur Honegger, Darius Milhaud, Francis Poulenc haben sich halbwegs durchgesetzt, Georges Auric kennt man als Filmmusikkomponisten (etwa für Jean Cocteaus "La Belle et la Bête" und "Die große Sause" mit Louis de Funès). Mit einem eleganten Concertino für Harfe ist Germaine Tailleferre in Erinnerung geblieben. Der große Unbekannte ist Louis Durey, der die Gruppe schnell wieder verlassen hat.

Bisher noch nicht eingespielte Lieder Dureys hat die Pianistin Jocelyn Dueck, mit den hervorragenden Solisten Adriana Zabala, Jesse Blumberg, Bill Burden und Sidney Outlaw aufgenommen, und diese CD ist endlich auch hierzulande erhältlich.

Weshalb Durey dermaßen unbekannt geblieben ist, enthüllt die Textwahl zweier Lieder: Die Worte stammen von Ho Chi Minh. Tatsächlich war Durey mehr Kommunist als Komponist, betätigte sich als Kulturaktivist und schrieb gallige Kritiken in kommunistischen Zeitungen.

Louis Durey Lieder (New Focus Recordings)
Louis Durey Lieder (New Focus Recordings)

Die Lieder aber sind Entdeckungen. Kurz, pointiert, pendelnd zwischen frechem Raffinement und scheinbarer Einfachheit. Die "Cantate de la rose et de l’amour", bestehend aus 15 Liedern, deren längstes knapp über eineinhalb Minuten dauert, atmet eine einzigartige Frische. In anderen scheint ein impressionistischer Ansatz beträchtlich aufgeraut. Spannende Begegnungen sind das jedenfalls allesamt!

Lowell Liebermann Frankenstein (Reference Recordings)
Lowell Liebermann Frankenstein (Reference Recordings)

Der 1961 geborene US-Amerikaner Lowell Liebermann ist Komponist und Pianist. Nur wenige US-Komponisten klingen so europäisch wie er: Weder sucht Liebermann Kontakt zu George Gershwins symphonischem Jazz noch zu Aaron Coplands Cowboy-Hemdsärmeligkeit oder zu William Schumans Patriotismus-Pathos. In seiner pianistisch extrem anspruchsvollen Klaviermusik denkt Liebermann Chopin und Rachmaninow weiter, sein Flötenkonzert grüßt in Richtung Sergej Prokofjew - aber alles in einem eigenen Idiom, dessen Geschmack ein Versinken im nur-luxuriösen Klang verhindert.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

2016 komponierte Liebermann für The Royal Ballet und The San Francisco Ballet das abendfüllende Handlungsballett "Frankenstein", das nun, makellos gespielt vom San Francisco Ballet Orchestra unter Martin West, in einer aufnahmetechnisch überwältigenden Einspielung vorliegt. Die quasi-konzertante Aufführung einer abendfüllenden Ballettpartitur ist für jeden Komponisten ein Prüfstein. Selbst Prokofjews "Romeo und Julia" offenbart dabei die Schwächen. Liebermann besteht in "Frankenstein" den Lackmustest mit Bravour. In seinem weiträumigen Tongemälde hält er die Spannung und entwirft obendrein unendlich zärtliche Momente, die er auch der "Kreatur" gönnt. Es ist eine Schauer-Musik voller dunkler Spukmomente, aber auch voller Schönheit, und das Finale mit der Begegnung von Frankenstein und seinem Geschöpf hat wenig seinesgleichen in der Musik. Unbedingt anhören! Und wer es unbedingt getanzt braucht: Bei OpusArte ist die DVD mit der Choreografie von Liam Scarlett erhältlich.