Das Prager Nationaltheater setzte Peter Iljitsch Tschaikowskis Oper "Pantöffelchen" ab. Seine Oper "Mazeppa" ist ein Kollateralschaden am Theater Biel-Solothurn: abgesetzt "aufgrund der aktuellen Situation in der Ukraine". Diverse Orchester, darunter das Berliner Rundfunkorchester, kippen Tschaikowskis Sinfonien und Orchesterwerke aus ihren Programmen. Der Westen ist drauf und dran, in einen anti-russischen Kulturkampf zu verfallen.

Ein Symbol der Verschmelzung von russischer und ukrainischer Kultur: der Entwurf für das Große Tor von Kiew auf dem Bild des russischen Malers Viktor Hartmann, auf dem das Finale der "Bilder einer Ausstellung" des russischen Komponisten Modest Mussorgski basiert. - © Public domain via Wikimedia Commons / Viktor Hartmann
Ein Symbol der Verschmelzung von russischer und ukrainischer Kultur: der Entwurf für das Große Tor von Kiew auf dem Bild des russischen Malers Viktor Hartmann, auf dem das Finale der "Bilder einer Ausstellung" des russischen Komponisten Modest Mussorgski basiert. - © Public domain via Wikimedia Commons / Viktor Hartmann

Nationalismen haben oft einen unangenehmen Beigeschmack. Bizarr werden sie in der Regel, wenn es um Kunst geht. Als Österreicher kennt man das zur Genüge: Ludwig van Beethoven und Johannes Brahms waren Deutsche. Noch toller treiben es die Engländer mit "ihren" bedeutenden Dichtern Jonathan Swift, Oscar Wilde und George Bernard Shaw, die in Wahrheit Iren waren, und mit "ihrem" bedeutendsten Komponisten George Frideric Handel, der als Georg Friedrich Händel (merke die Umlaut-Punkte) Bürger des Kurfürstentums Sachsen-Anhalt war - und kein Deutscher, weil es Deutschland damals noch nicht gegeben hat. Gruß an Wolfgang Amadeus Mozart, der war auch erst nach heutigen Begriffen Österreicher, nach denen zu seinen Lebzeiten aber Salzburger, geboren im Fürsterzbistum.

Das Opernhaus von Odessa verschmilzt drei Kulturen: Die ukrainische, die russische und die österreichische, denn erbaut wurde es vom Architekturbüro Fellner & Helmer, das in Wien etwa das Ronacher und das Volkstheater errichtete. 
- © getty images / Education Images

Das Opernhaus von Odessa verschmilzt drei Kulturen: Die ukrainische, die russische und die österreichische, denn erbaut wurde es vom Architekturbüro Fellner & Helmer, das in Wien etwa das Ronacher und das Volkstheater errichtete.

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Noten und Nationen

Und mittendrin ist man in dem Unfug, der im Moment mit der russischen Kultur angerichtet wird. In ihm mischt sich eine Unkenntnis der Geschichte mit dem Aufblühen eines Nationalismus, der nun sogar die Musik in Geiselhaft nimmt. Wenn man der Ukraine schon nicht auf dem Schlachtfeld beisteht, dann wenigstens in Opern- und Konzerthäusern. Billiger geht es nicht - auch nicht grotesker.

Um den Hintergrund zu verstehen, bedarf es nicht einmal besonders detaillierter historischer Exkurse. Es genügt zu wissen, dass die repertoirebildenden russischen Komponisten, also Tschaikowski, Modest Mussorgski, Nikolai Rimski-Korsakow, Sergej Prokofjew und Dmitri Schostakowitsch zu einer Zeit lebten, in der die Ukraine, zu Zeiten der Zaren "Kleinrussland" genannt (im Unterschied zu Großrussland, was dem heutigen Russland entspricht, und Weißrussland), ein Teil Russlands war. "Kleinrussische" Folklore, "kleinrussische" Märchen und "kleinrussische" Geschichte flossen in die Werke so natürlich ein, wie ungarische, tschechische, und Stilelemente der Völkerschaften des Balkan in die Musik österreichischer Komponisten des 19. Jahrhunderts, für die Ungarn, Tschechien und der Balkan Teile der K.u.K-Monarchie waren.

Der russisch-ukrainische Kulturaustausch ist sogar noch weniger einer der nur zitierten "stilistischen Elemente" als der in der K.u.K-Monarchie: Von den zwei Schriftstellern, die am Beginn der russischen Hochliteratur stehen, Alexander Puschkin und Nikolai Gogol, war einer, Gogol, gebürtiger Ukrainer. Er übernahm Wendungen des mündlichen Erzählens samt dessen ukrainischer Eigenheiten in seine Prosa. Die Literaturgeschichte verschmilzt Russland und Ukraine.

Selbst, wenn man noch weiter zurückgeht, sind Russland und die Ukraine in der Literatur untrennbar verbunden: Das sogenannte Igor-Lied nimmt für die russische Literatur in etwa die Stellung ein, die das Nibelungen-Lied für die deutsche hat. Das Igor-Lied ist ein Heldenepos der Kiewer Rus, es entstand im Kiewer Reich, einem Vorläuferstaat des heutigen Russland. Literaturgeschichtlich gesprochen und unzulässigerweise heutige Staatsbegriffe übergestülpt, wären also nicht die Ukrainer Russen, sondern die Russen wären Ukrainer.

Setzt man nun, wie es mittlerweile unangenehm auffällig ist, Tschaikowski wegen seiner "großrussischen Haltung" ab, dann muss man ebenso Johann Strauss, aufgrund seiner Anleihen bei tschechischen Polkas, ungarischen Csárdás und Verbunkos, eine k.u.k.-imperialistische Haltung unterstellen. Aber warum das Neujahrskonzert nicht mit Arnold-Schönberg’schen und Anton-von-Webern’schen Zwölftönigkeiten bestreiten? Die garantieren wenigstens absolute Freiheit von donaumonarchischen Behauptungen.

Es bedarf also schon einigen anti-russischen Elans, um solch kulturpolitischen Unfug durchzusetzen. Als ob der russische Kriegsherr Wladimir Putin davon getroffen würde, wenn die Oper von Solothurn Tschaikowskis "Mazeppa" absetzt.

Krieg gegen russische Musik

Wo endet der Krieg gegen die russische Musik? Der Russe Alexander Borodin etwa legte das in der Ukraine entstandene "Igor-Lied" seiner Oper "Fürst Igor" zugrunde - großrussische Machtgelüste des hauptberuflichen Chemikers, der sich für das Bildungsrecht für Frauen einsetzte?

Der Russe Modest Mussorgski komponierte nach einer Erzählung Gogols den in einem ukrainischen Dorf spielenden "Jahrmarkt von Sorotschinzy" - großrussische Machtgelüste? Seine "Bilder einer Ausstellung" gipfeln im Glockenklang des "Großen Tors von Kiew" - großrussische Machtgelüste?

Eine Regel über Nationalgefühle besagt mit ernstem Augenzwinkern: Eine Nation ist eine Nation, wenn sie sich als Nation fühlt. Die sowjetische Haltung war, solche nationalen Eigenheiten speziell in der Musik zu hervorzustreichen, die Werke aber thematisch und somit ideologisch unter dem sowjetischen Schirm und ästhetisch unter dem des sozialistischen Realismus zu vereinen. Man legte Wert etwa auf grusinische, armenische oder aserbaidschanische Komponisten - aber nur, sofern sie die Folklore ihrer Nation als Kolorit kenntlich machten.

Der Geist der Unabhängigkeit

Demgemäß gab es schon vor den heute aktuellen Grenzziehungen ukrainische Komponisten - und es sind durchaus beachtliche darunter, etwa der Nachromantiker Boris Ljatoschinski (1894-1968, auch Lyatoshinsky und Ljatoschynskyj transkribiert) mit fünf Symphonien und zwei Opern.

Sein Schüler Jewhen Stankowytsch (geboren 1942) erlebte mit "Wenn der Farn blüht", was es bedeutet, nicht den sowjetischen Kulturbehörden zu folgen: Musikalisch war die Oper wegen ihrer zahlreichen stilistischen Ebenen verdächtig, die vom Volkslied bis zu den improvisatorischen Gebilden der mitteleuropäischen Avantgarde und Techniken der Rockmusik reichen, inhaltlich geht es um Kosaken-Mythen. Das widersprach der sowjetischen Distanz zu den Kosaken. Dazu war die Folklore echt und kein Kolorit. Das Werk wurde erst lange nach der Unabhängigkeit der Ukraine uraufgeführt: 2011 wurde es konzertant, 2017 szenisch gespielt.

Interessant ist dabei, dass zahlreiche ukrainische Komponisten weniger klangliche Nationalismen inszenierten, sondern sich eher durch bemerkenswerte ästhetische Unabhängigkeit von Russland absetzten, etwa Nikolai Roslawez (1880-1944), der Impressionismus und zwölftönige Verfahren verschmolz und daraufhin in der Sowjetunion als "Volksfeind" galt, oder Alemdar Karamanow (1934-2007), der sich mit stilistisch vielgesichtiger religiöser Mystik gegen die Moskauer Doktrinen stemmte.

Ganz in dieser Tradition der Unabhängigkeit entwickelte sich die "Kiewer Avantgarde" in den 1960er Jahren zu einer der interessantesten Musik-Bewegungen auf dem Gebiet der (ehemaligen) Sowjetunion. Walentyn Sylwestrow (geb. 1937) etwa adaptierte verpönte zwölftönige Verfahren, ehe er zu einer in sich gekehrten Musik des Nachklingens fand: Titel wie "Postludium" charakterisieren dieses versonnene Abschiednehmen.

Leonid Hrabovski (geb. 1935) ging den umgekehrten Weg: Er verabschiedete sich von seinen schostakowitsch-nahen Anfängen zugunsten statischer Klanggitter und weitausgreifender Gesten fern aller Tonartenbindungen.

Nicht aus politischen Gründen sollte die Musik dieser Komponisten in das Repertoire einfließen - wie auch, ungeachtet des Kriegs gegen die Ukraine, Musik russischer Komponisten gespielt werden soll und gespielt werden muss. Denn diese Musik gehört zum großen westlichen Kulturgut. Sie auszugrenzen heißt, russische Kultur mit Putin gleichzusetzen. Das sollte man ihm nicht gönnen.