Der belgische Komponist Philippe Boesmans ist, wie erst jetzt bekannt wurde, am 10. April in Brüssel im Alter von 85 Jahren gestorben. Boesmans war einer der international bekanntesten belgischen Komponisten und speziell mit Opern erfolgreich. Auch bei den Wiener Festwochen wurde er mit "Julie" nach August Strindberg und "Yvonne, princesse de Bourgogne" nach Witold Gombrowicz aufgeführt. 

Boesmans, am 17. Mai 1936 in Tongern geboren, spielte zuerst in seiner Heimat als Pianist in Spezialensemles für Neue Musik eine wichtige Rolle. Als Komponist war er Autodidakt.

Aufsehen erregte er weniger mit seinen skrupulös gearbeiteten Instrumentalwerken wie einem Klavier- und einem Violinkonzert sowie Klavierwerken und Streichquartetten, als speziell mit seinen Opern. Bereits die erste, "La Passion de Gilles"(1983), zeugte von einem herausragenden Instinkt für das Musiktheater und ist seine beste geblieben. Die Handlung kreist um die Beziehung von Jeanne d'Arc und ihrem Hauptmann Gilles de Rais, der später zu einem der brutalsten Serienmörder der Geschichte wurde und als Blaubart in Mythen und Märchen einging. 

Hauskomponist des Théâtre Royal de la Monnaie

Musikalisch legte Boesmans hier Grundzüge seines Vokabulars fest: Die Vokallinien liegen in expressiv gespannten Lyrismen über einem Orchestersatz, der mit motivisch strukturierten Klangflächen begleitet. Im Zusammenspiel von Handlung und Musik fallen deren Modernität nicht mehr ins Gewicht: Sie wirkt illustrativ, die Vorgänge verstärkend, sie ordnet sich dem Geschehen unter. 

Das Werk wird 1983 am Théâtre Royal de la Monnaie uraufgeführt und erweist sich als eine der stärksten Opern der Neuen Musik. Zehn Jahre später richtet der Regisseur Luc Bondy Arthur Schnitzlers "Reigen" für Boesmans als Libretto ein: Der Erfolg ist abermals überwältigend. Damit wird Boesmans zum sozusagen Hauskomponisten des Théâtre Royal de la Monnaie. Er, Bondy und der Dirigent Sylvain Cambreling schaffen eine ganz spezielle Art der Oper, ein allumfassendes Musiktheater, das, an der Postmoderne orientiert, hohe Schauwerte ebenso bietet wie eine klangschöne Musik, die zwischen Romantizismen, Alban Berg'schen Expressionismus-Gesten, aufgerauhten Klangflächen und süffigen Kantilenen pendelt, in "Wintermärchen" (1999) nach Shakespeare auch Jazz und Pop einfließen läßt und immer versucht, mit dem Publikum in einen Dialog zu treten.

Postmodern in eine neue Freiheit

Boesmans weitere Opern, "Julie" (2005), "Yvonne, princesse de Bourgogne (2009)" und "Au monde"  (2014) perfektionieren diese Ästhetik. Seine letzte Oper, "Pinocchio" nach Carlo Collodi, 2017 als Koproduktion des Théâtre Royal de la Monnaie und des Festival d'Aix-en-Provence in Aix-en-Provence mit dem Wiener Klangforum unter Emilio Pomarico uraufgeführt, ist dann eine Oper über das Menschsein, delikat instrumentiert für ein Kammerorchester, voller Melodien und melodischer Anspielungen, getragen von tiefem Ernst und zugleich überlegener Leichtigkeit.

Außerdem hat Boesmans für das Staatstheater Braunschweig eine Fassung von Claudio Monteverdis "L’incoronazione di Poppea" für moderne Instrumente erstellt, die 2006 uraufgeführt wurde.

Boesmans' Schaffen ist charakteristisch für einen Komponisten, der ursprünglich im Umfeld der Avantgarde verwurzelt ist, sich davon aber schon bei seinem ersten Hauptwerk löst und allmählich über die Postmoderne eine neue Freiheit und Offenheit gewinnt. Wie bei nahezu allen Komponisten seiner Generation ist es viel zu früh, um ein Urteil darüber zu fällen, ob und was von seinem Schaffen bleiben kann. Zumindest "La Passion de Gilles" wäre eine musikalisch starke Bereicherung für ein Opernrepertoire, dessen Appetit auf Alternativen sich zunehmend auf Regiearbeiten verengt.