Der Jugendkult hat eine neue Blüte getrieben: Der Finne Klaus Mäkälä ist im Alter von 26 Jahren Chefdirigent der Osloer Philharmoniker. Nun legt er seine Aufnahme der sieben Sinfonien seines Landsmanns Jean Sibelius vor. Während sich früher Dirigenten in langen Provinz-Jahren ein solides Handwerk erwarben und dabei ihre Sicht auf die Musik vertieften, sind heute Shooting Stars gefragt, je jünger, desto besser. Viel zu früh erhalten sie exponierte Positionen, für die ihnen die Basis langjähriger Erfahrung fehlt.

Als finnischer Dirigent muss Mäkälä natürlich mit Sibelius antreten, als wäre das genetisch bedingt. Können nur gebürtige Bonner ideale Beethoven-Interpreten sein? Mit seiner Gesamteinspielung von Sibelius’ Sinfonien konkurriert Mäkälä mit mehr als 20 anderen derzeit im Handel befindlichen und wer weiß wie vielen gestrichenen. Er ist zu jung, um der Versuchung zu widerstehen, es anders als die anderen machen zu wollen, ohne den Sinn des "Anders" zu überlegen.

Jean Sibelius Sinfonien 1-7, Klaus Mäkälä (Dirigent) (Decca)
Jean Sibelius Sinfonien 1-7, Klaus Mäkälä (Dirigent) (Decca)

Sibelius’ Werke basieren auf einer energetisch vibrierenden Streichertextur, aus der die thematisch wichtigen Bläser eruptiv hervorbrechen oder sich allmählich an die Oberfläche kämpfen.

Mäkälä, ausgebildeter Cellist und Angehöriger einer Familie von überwiegend Streichern, kümmert sich fast ausschließlich um "seine" Instrumente, variiert penibel die Dichte von Tremoli und die Phrasierungen der Ostinati, kümmert sich aber wenig um die Bläser. Abschnittsweise sind die Ergebnisse überwältigend. Oft aber befremden sie, wenn Mäkälä den Fluss der Musik stocken lässt, als würde er Rufzeichen setzen oder bestimmte Passagen unterstreichen wollen. Dazu fallen in der Dritten, Fünften, Sechsten und Siebenten sowie in "Tapiola" absonderliche Balancen auf: Mäkälä will alles hörbar machen, verfällt aber in bizarre Detail-Betonungen, denen er den beharrlichen Steigerungsaufbau opfert. Spannungsgeladen gelingt ihm freilich die dunkle Vierte Symphonie. Die stark an Tschaikowski orientierte Erste und Zweite profitieren von Mäkäläs Streicherschwelgereien, die an die der (weit überlegenen) Aufnahmen Herbert von Karajans erinnern.

Jean Sibelius Sinfonien 1-7, Paavo Berglund (Dirigent) (ICA-BluRay oder ICA-DVDs)
Jean Sibelius Sinfonien 1-7, Paavo Berglund (Dirigent) (ICA-BluRay oder ICA-DVDs)

Irgendwann wird Mäkälä wohl einen zweiten und dritten Sibelius-Zyklus aufnehmen. Dann wird dieser erste als Dokument eines jungen Feuergeists gelten, der sich ausprobieren will. Insgesamt teils kurios, teils interessant - aufgrund der vielen Seltsamkeiten aber nur für Kenner von Sibelius’ Werken zu empfehlen.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Auch der 2012 verstorbene Paavo Berglund wollte in seinem dritten Sibelius-Zyklus höchste Detailgenauigkeit erreichen. Diese Akkuratesse geht auf Kosten der eruptiven Gewalt der Werke, die Berglund in seinem zu Recht gepriesenen Zyklus mit dem Bournemouth Symphony Orchestra realisierte - und doch lässt er auch im Zyklus mit dem Chamber Orchestra of Europe das ekstatische Pathos von Sibelius spüren.

Letzten Endes befriedigt auch dieser Zyklus ob seiner Eigentümlichkeit nur bedingt. Wichtig wäre, dass Universal den überragenden Herbert-Blomstedt-Zyklus neu auflegt. Sonst ist man mit Leif Segerstam oder Lorin Maazel mit den Wiener Philharmonikern am besten bedient.