Die variative und alternierende Formensprache des Dirigenten Tugan Sokhiev hätte am Samstagnachmittag beim alleinigen Zusehen vermuten lassen, es handele sich um einen Big Band Leader am Pult der Wiener Philharmoniker. Keine Bewegung zu viel. Dafür ein leichtes Swingen, das in kecke Armrotationen übergeht und leicht einsinkende Knie einen folgenden Rock-’n’-Roll-Sprung anmuten. Tatsächlich unterstreicht Solistin Anneleen Lenaerts an der Harfe diesen Eindruck. Als Solozugabe gibt sie nach Reinhold Glières "Konzert für Harfe und Orchester" das Stück "Duke" von Bernard Andrés zum Besten. Ihr Instrument kommt sowohl mit Schlägen auf das Holz als auch mit herbeigesehnte jazzigen Improvisationssound zur Geltung.

Der grandiose Einstieg wird vom zweiten Teil gekrönt: Peter Tschaikowskis Vierte Sinfonie in f-Moll erschallt tadellos. Wie im Jazz sind auch hier die Bläser in ihrem Element. Gleich zu Beginn sorgen die Hörner, gefolgt vom restlichen Blech, für das richtige Pathos. Der Zuhörer wird bei Tschaikowski in zahlreiche Emotionslagen geworfen. Ein Wechselbad der Gefühle wirbelt über die Bühne und von dort in den Saal. Die persönliche Vorliebe darf zwischen atemberaubendem Temperament und blühender Träumerei wählen. Trotz all der Schwermut besticht die Leichtigkeit des samtweichen Orchesterklangs. Die Musiker überzeugen gleichermaßen im Pizzicato der Streicher als auch im dialogischen Einwurf der solistischen Holzbläser. Das Publikum im Goldenen Saal tobt.