Gemäß einer Urteilsvollstreckung - minutiös, akkurat und grazil - spielt die chinesische Starpianistin Yuja Wang den Flügel im Großen Saal des Wiener Konzerthauses. Wie bei einem Roboter folgt ein fehlerfreies und technisch makelloses Stück auf das andere und lässt das Publikum wohl genau aus diesem Grund erbleichen. Der Beifall entlockt Yuja Wang zehn Zugaben und streckt das Konzertende auf 22 Uhr. In den zwei Stunden findet sich nur selten Musik, obwohl Tempi wie dynamische Übergänge tadellos sind.

Ihr bis zum Schritt geschlitztes und rückenfreies Kleid im glitzernden Vintagestil ermöglicht freien Blick auf das Muskelspiel ihrer starren Haltung aus 90 Gradwinkeln in Hüfte, Armen und Beinen. Vom Fuß muss man aufgrund seiner Wölbung in Highheels absehen. In den wenigen harmonischen Momenten der Zeitgenossen zeigt sich Wang menschlich: Ein Lächeln im Gesicht und ein leichtes Wippen mit den Schultern, während am anderen Ende die Finger nur so über die Tasten fliegen.

Um nicht auf die 15 Komponisten zu vergessen, sei erwähnt, dass es die meisten am Dienstagabend locker unter die Top Fünf der im Konzerthaus am seltensten Aufgeführten schaffen würden.

Die Préludes 11 und 10 von dem 2020 verstorbenen Nikolai Kapustin etwa fanden zum ersten Mal Gehör und überzeugten mit jazzigen Phrasen im klassischen Klangbett. Auf ihn folgte im Ranking György Ligeti, dessen Musik man vielleicht am ehesten aus Stanley Kubricks Filmen kennt: Wie in "Shining" läuft es einem bei Etude 13 "L‘escalier du diable" eiskalt den Rücken herunter.