Das Nichterscheinen eines arrivierten Künstlers brachte schon so manche gerade aufkeimende Karriere zu voller Blüte. Die Enttäuschung über die aus gesundheitlichen Gründen erfolgte Absage von Martha Argerich währte nur einen Moment, denn für die argentinische Pianistin sprang im Konzerthaus kurzfristig Alexandre Kantorow ein. Der Franzose (Jahrgang 1997) gewann 2019 die Goldmedaille beim renommierten Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau sowie den nur äußerst selten verliehenen Grand Prix. Fast ein wenig traumverloren ging Kantorow am Samstag auf die Bühne im Großen Saal, als wäre er eben aufgestanden und hätte das Hemd geschwind aus dem Koffer gezogen.

Ein Geigenton wie eine Spätsommer-Sonne

Der Auftritt von Geiger Renaud Capuçon vermittelt das komplette Gegenteil: akkurat, smart, voller Spannkraft. Zu Beginn Schumanns Erste Sonate in a-Moll: noch etwas verhalten, leise, beinahe geflüstert stellenweise der Klavierpart. Capuçons Geigenton klang umwerfend, ließ an die tiefe Sonne im Spätsommer denken. Er spricht mit seinem Instrument, jede Phrase hat ein Ziel, jede Note wirkt durchdacht. Wunderschön gelang in der d-Moll-Sonate von Brahms der Adagio-Satz, eine besondere Atmosphäre erfüllte plötzlich den Raum. Zum Höhepunkt wurde die Sonate in A-Dur von César Franck. Kantorow agierte zupackender, konturierter und zeigte auf, was ihn als Interpreten ausmacht: immerwährende Durchlässigkeit, gestalterische Kreativität und eine spezielle Art der Leichtigkeit, wie ein Aquarell. In seinem Solo-Rezital am 9. Mai liegt der Schwerpunkt auf Franz Liszt.