Hans Knappertsbusch, 1888 in Elberfeld / Wuppertal geboren, 1965 in München gestorben, als "der Kna" berühmt für Probenaversion, langsame Tempi und derbe Bonmots: Die Decca legt in zwei Boxen sämtliche regulären Einspielungen des Dirigenten vor. Nur Material für Fans?

Hans Knappertsbusch hasste es, zu proben und gestaltete aus dem Moment heraus überwältigende Spannungsbögen. 
- © Unknown author / Public domain, via Wikimedia Commons

Hans Knappertsbusch hasste es, zu proben und gestaltete aus dem Moment heraus überwältigende Spannungsbögen.

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Knappertsbusch ist eine Legende, speziell als Wagner-Dirigent. Aus dem historischen Abstand ist freilich die Überlegung legitim, ob es nicht eher die unzähligen Anekdoten und das überzeitliche Charisma als zumindest die nachzuhörenden Aufführungen selbst sind, die diese Legende am Leben halten. Doch ganz so einfach ist es nicht.

Hans Knappertsbusch The Opera Edition (Decca)
Hans Knappertsbusch The Opera Edition (Decca)

Es sind aber nicht nur Bonmots im Umlauf (etwa, den Schlussakkord von Arthur Honneggers Lokomotiven-Musik "Pacific 231" zu quittieren mit: "Angekommen...!"), man weiß auch, dass Knappertsbusch zwar deutsch-national eingestellt war, aber den Nationalsozialismus als die Politik von Versagern und Emporkömmlingen verachtete und den Namen der NS-Gewaltigen regelmäßig das Präfix "Scheiß-" voransetzte, also von "Scheiß-Hitler", "Scheiß-Goebbels" und "Scheiß-Göring" sprach, die davon durchaus Kenntnis hatten, aber den so germanisch wirkenden Hünen als Hofnarren betrachteten, ehe sie ihn als "politisch unzuverlässig" von München nach Wien abschoben.

Hans Knappertsbusch The Orchestral Edition (Decca)
Hans Knappertsbusch The Orchestral Edition (Decca)

In den 1910er- und 1920er-Jahren hatte sich Knappertsbusch ein größeres Repertoire aufgebaut, er dirigierte die deutsche Erstaufführung von Igor Strawinskis "Le sacre du printemps", Werke von Franz Schmidt und Theodor Berger und setzte sich für Opern von Gustave Charpentier und Hermann Wolfgang von Waltershausen ein. Später verengte er sein Repertoire auf die gängigen Opern Richard Wagners, auf einige Opern und Orchesterwerke von Richard Strauss, die Orchesterwerke von Johannes Brahms, einige Symphonien von Anton Bruckner und Ludwig van Beethoven. Dessen "Neunte" war nicht darunter: Knappertsbusch hatte sie zu einer NS-Parteifeier dirigieren müssen. Das hat ihm das Werk dermaßen verleidet, dass er es nie wieder angerührt hat.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Knappertsbusch hatte zu seinen Auftritten eine ganz besondere Beziehung: Er wollte den Sängern, Musikern und sich selbst mit einem gelungenen Abend Freude bereiten. Die Publikumsreaktionen waren ihm egal. Und da es Knappertsbusch um die pure Lust am Musikmachen ging, hasste er Proben - denn Proben bedeuteten Arbeit. Und weil es bei Aufnahmen ohne Proben nicht geht, mochte er auch Aufnahmen nicht sonderlich.

Knappertsbusch legte sich keine besonderen außermusikalisch inspirierten Interpretationen von Werken zurecht: Er dirigierte im Vertrauen auf seine schlagtechnische Souveränität, auf seine Fähigkeit, spontan große Spannungsbögen gestalten und Musiker aus dem Moment heraus zu Höhepunkten animieren zu können. Das mochte mitunter auf Kosten der Genauigkeit gehen, doch wenn er gut gelaunt war und er sich unter den Aufnahmebedingungen wohlfühlte, dann waren Knappertsbuschs Aufführungen überwältigend. In beiden Boxen gibt es sowohl für die großen wie für die weniger großen Momente ausreichend Beispiele. Die genaueren Details finden Sie auf der Webseite der "Wiener Zeitung".