Wer an einem Samstagnachmittag die Wahl hat, der Sonne bei einem Spaziergang zu frönen oder sich im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins einzufinden, liegt in keinem Fall falsch. Beides erfüllt die romantische Sehnsucht nach dem Schönen. Insbesondere dann, wenn unter der Leitung von Riccardo Muti die Wiener Philharmoniker Claude Debussys "Trois Nocturnes" und Hector Berlioz’ "Symphonie fantastique" zum Besten geben; erstaunlich eigentlich, dass der italienische Romantiker Giuseppe Verdi auf dem Programm fehlt.

Kaum hat Muti die Bühne betreten, geht er mit Debussy in die Vollen, indes sich die Bläser noch einfinden müssen. Die bewölkte Stimmung des Beginns ("Nuages") scheint dann allerdings bis zu den "Sirènes" anzuhalten, die Damenstimmen des Wiener Singvereins schleppen ein wenig, und die Soprane demonstrieren ihre Grenzen zwischen Brust- und Kopfstimme.

Träumerisch wird es erst bei Berlioz. Das Grollen der Pauken dringt einem bis tief unter die Haut; jede Stimmgruppe fügt sich gleichermaßen virtuos und treu in die furiose Wucht und Zartheit der Symphonie ein, nicht zuletzt in das Totengeläut des "Dies irae".

Muti setzt jede Nuance mit ganzem Körpereinsatz, um sich alsdann gemäß dem innerlich berückten "Wanderer über dem Nebelmeer" von Caspar D. Friedrich zurückzunehmen und die Musik lediglich in kreisenden Bewegungen mitzuempfinden. Die Euphorie des Publikums entlädt sich bereits auf dem letzten Ton mit dem ersten Bravo.