"Dieser Mann ist ein Genie!" Martha Argerichs empörter Ausruf 1980 beim berühmten Chopin-Wettbewerb in Warschau, als die Kollegen ihrem Favoriten die Final-Teilnahme verweigerten und sie aus der Jury austrat, katapultierte Ivo Pogorelich ins Zentrum weltweiter Aufmerksamkeit. Anderthalb Jahrzehnte im Rampenlicht folgten für den gebürtigen Kroaten, irgendwo zwischen Narziss und Goldmund, Popstar am Flügel und pathologisch-kühlem Tastenkünstler - bis sich der Pianist 1996 nach dem Tod seiner Frau und einstigen Klavierlehrerin Alisa Keseradse aus dem Konzertleben weitgehend zurückzog. Eine Rückkehr in die Aufmerksamkeit ist selbst für einen exzentrischen Virtuosen nicht leicht: Vielleicht auch deshalb hat sich der 63-Jährige auf seinem jüngsten Album wieder dem Komponisten gewidmet, der ihm einst die Rolle des genialen Künstlers bescherte. Vor seinem Soloabend in Wien hat Pogorelich mit der "Wiener Zeitung" über Chopin und anderes gesprochen.

"Wiener Zeitung": Corona hat viele Künstler in ungewollte Auszeiten in puncto Konzerte geschickt - hat dies Ihre jüngste CD-Aufnahme beschleunigt, da auch Sie kaum konzertieren konnten?

Ivo Pogorelich: Corona startete für mich weitaus früher als für die meisten Europäer, für die Corona im März 2020 begann. Für mich fing es im Dezember 2019 an, als ich auf einer Tournee durch Japan, Südkorea und China unterwegs war. Als Wuhan geschlossen wurde, spielte ich in Tokio ein Recital, das letzte meiner Japan-Tour, und bin tags darauf nach Seoul weitergereist: Dort habe ich noch ein Konzert gegeben, das folgende wurde dann bereits abgesagt ebenso wie die komplette China-Tour.

Was hat Sie zu dem reinen Chopin-Programm für Ihr jüngstes Album bewogen?

Die Stücke gehören zu den Spätwerken Chopins - samt eines Nocturnes, das erst nach seinem Tode veröffentlicht worden ist. Einige dieser Werke habe ich das erste Mal in sehr jungen Jahren gespielt - auch gegen den Rat meines damaligen Lehrers: Ich war 15, als ich die Sonate Nr. 3 unbedingt lernen wollte, denn ich war fasziniert von diesem ebenso rätselhaften wie bedeutsamen Werk - und mein Lehrer war strikt dagegen.

Was den Teenager indes nicht abhielt...

Ja, ich habe die Sonate dennoch einstudiert und ihn dann gefragt, ob ich ihm einen Satz vorspielen könnte? Was ihm verdeutlicht hat, dass ich völlig von dem Werk fasziniert war - und so hat er es mich spielen lassen. Es ist nun fast ein halbes Jahrhundert her, dass ich das Werk kennengelernt habe: Seither habe ich die Sonate bei zahlreichen Konzerten gespielt, habe diese zwischenzeitlich auch einmal zehn Jahre gar nicht aufgeführt - nun schien mir der Zeitpunkt gekommen, mein persönliches Verständnis dieses Stücks auf einer Aufnahme zu dokumentieren.

Wie unterscheidet sich Ihre heutige Annäherung an Chopin vom Auftritt des Ivo Pogorelich im Jahr 1980?

Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Ivo Pogorelich von heute und dem des Jahres 1980. Doch da ich nie aufgehört habe, meine pianistischen Fertigkeiten fortzuentwickeln, verfüge ich heute über ein noch weit größeres Arsenal an Fähigkeiten und besseres Verständnis der Natur des Klaviers, über weit mehr Gestaltungsformen des Anschlags sowie Verständnis für die Verbindungen zwischen den Akkorden und harmonischen Strukturen eines Werks.

Damals seien Sie in eine Welt voller kommerzieller Werbung, Angriffe und Gemeinheiten geraten, haben Sie einmal im Interview erzählt - was es wirklich so schlimm?

Es war noch viel schlimmer! Ich war ganz seltsamen Ideen ausgesetzt: Ich erinnere mich an ein Erlebnis in Los Angeles, wo einige Leute in der Lobby eines großen Fernsehsenders auf mich warteten. Sie wollten, dass ich mich in einer Art von Soap Opera selbst spiele und dafür "geringfügig" meine Biografie ändern: "Wir wollen es etwas dramatischer gestalten und zeigen, wie Sie aus Ihrem Land entkommen sind, denn das ist spannend für unser Publikum." Stellen Sie sich das vor!

Und wie haben Sie reagiert?

Natürlich habe ich das nicht gemacht! Doch es waren lauter solcher Dinge, auf die ich als 22-Jähriger nicht vorbereitet war, denn es gab einfach unglaublich viele Leute, die mit mir schnelles Geld machen wollten. Und so musste ich erst einmal lernen, "nein" zu sagen, auch wenn manchmal diese Leute sehr aufrichtig wirkten, wenn sie mir klarzumachen versuchten, dass ein solcher Auftritt im Fernsehen gut für mich sei. Hinzu kam diese unglaubliche mediale Öffentlichkeit, wo sehr oft über Musik geschrieben wurde, ohne dass die Leute auch nur irgendeine musikalische Ausbildung gehabt hätten . . .

Neben der Musik sollen Sie auch viel gewandert sein - was hat Sie in die Schweizer Berge gezogen?

Wenn man in der Schweiz lebt wie ich - Mitte der 90er erst im französischsprachigen Teil, zu Beginn dieses Jahrhunderts bin ich dann nach Lugano gezogen - liegt es natürlich nahe, in den Bergen zu wandern. Das Wasser und die See hatten für mich schon immer eine natürliche Anziehungskraft besessen, nicht zuletzt da mein Großvater auf einer Insel im adriatischen Meer lebte und ich seit frühesten Kindestagen dort immer meine Ferien verbracht und jeden Sommer zwei bis drei Monate bei ihm gelebt habe. Doch für das eigene Wohlbefinden ist es eben auch sehr gut, einmal dieses Meeres-Klima zu verlassen - und die Schweizer Alpen haben mir genau diesen Wechsel versprochen.

Und worin liegt nun die Faszination der Berge für Sie?

Ivo Pogorelich gilt als Pianist mit extremen Vorstellungen von Musik. - © apa / afp / Lionel Bonaventure
Ivo Pogorelich gilt als Pianist mit extremen Vorstellungen von Musik. - © apa / afp / Lionel Bonaventure

Ich bin kein Bergsteiger, aber ich unternehme sehr lange Wanderungen, wenn ich die Möglichkeit habe, denn die Berge in der Schweiz mit ihrer trocknen Luft sind ein wunderbarer Kontrast für mich zur See. Hinzu kommt, dass ich Sport sehr mag, indes viele Sportarten nicht betreiben kann: Skifahren ist zu gefährlich, ebenso das Radfahren oder auch alle Mannschaftssportarten. Insofern sind Spaziergänge in den Bergen für mich ebenso gesund wie inspirierend.

Wie kommt es zu dieser, Ihrer sehr eigenen Annäherung an die Werke?

Zum einen bin ich ein ausgebildeter Musiker, der für sein Diplom zahlreiche Examen hat ablegen müssen. Im Gegensatz zu vielen anderen meiner Kollegen in der Welt hat meine Ausbildung schon als Schüler begonnen, und ich habe diese später als Student fortgesetzt - meine Lizenz zum Spielen habe ich mir hart erarbeitet. Dies ist die eine Seite - die andere Frage ist: Was macht mein Profil aus?

Und wie lautet Ihre Antwort?

Als auftretender Künstler bin ich immer auch ein Interpret der Musik. Natürlich kann sich jeder zuhause die Noten einer Beethoven-Sonate vornehmen, doch um diese dann auch aufzuführen, braucht es Menschen, die aus diesen Noten einen ganz eigenen, persönlichen Beitrag gestalten können: Basierend auf ihrem Wissen, auf Ausbildung, Erfahrung und Talent - das sollte man nie vergessen. Und es gibt Traditionen, die einen begleiten: Ich hatte das Glück, dass ich - rückblickend aus pianistischer Sicht betrachtet - lediglich vier Generationen nach Liszt groß geworden bin und gerade einmal sechs Generationen nach Beethoven und insofern noch in der Tradition dieser klassischen und anspruchsvollen Klavierschule meine Ausbildung erfahren habe.