"Die linke Hand muss Ihr Kapellmeister sein und stets den Takt halten", hat Frédéric Chopin seinen Schülern mitgegeben. Ivo Pogorelich, der berüchtigte Tasten-Individualist aus Belgrad, schlägt diesen Rat ebenso in den Wind wie die Metronomangaben des Polen, die er mitunter großzügig unterschreitet - so zu hören auf seinem neuen Chopin-Album (Sony Classical) und nun am Dienstag live im Wiener Konzerthaus.

Stop-and-go-Verkehr

Ja, ist das überhaupt Chopin? Die Polonaise-Fantaisie op. 61, zu Anfang gereicht, zerdehnt sich unter dem Zugriff des kontroversen Kroaten bis zur Selbstentfremdung. Details, die bei einem flüssigen Spiel Sinn entfalten, wirken wie verwaist, manche Note wird dafür grell hervorgehoben - als wolle sie sich zum Botschafter einer rätselhaften Subjektivität aufschwingen. Pogorelich spielt Pogorelich.

Der sucht dann auch in der h-Moll-Sonate weniger nach Melos als nach mythischen Extremen: Das Largo schwillt zu Wagner-Dimensionen an; die flinken Linien des Scherzos verwischen sich zu einem lallenden Gewisper und prallen auf Dreschbässe, die ihre verheerendste Wirkung in der Fantasie op. 49 tun. Zudem: Kaum eine Notenzeile, der Pogorelich nicht sein Stop-and-Go-Spiel angedeihen lässt. Diese Agogik gipfelt in einer Barcarolle (op. 60), die in schwerer Rubato-See auf einen dröhnenden Schiffbruch zuschwankt.

Gut: Pogorelich hält sein Spiel für zweckmäßig, er wirkt freundlich und fokussiert und erfüllt die beiden Chopin-Zugaben mit romantischer Innigkeit. Mögen muss man das trotzdem nicht.