Sie sind schön, kurz und brillant - und trotzdem mag sie nicht jeder, die Zugaben in einem Klassik-Konzert. Besonders dann nicht, wenn sich ein Solist dafür eine Musikrosine aus einem größeren Werkkuchen herauspickt. Puristen rümpfen dann gern die Nase: Ist das nicht Frevel am Komponisten - dem Publikum solche Häppchen hinzuwerfen?

Es waren die Kunstästhetiker des 19. Jahrhunderts, die diese Praxis in ein schiefes Licht rückten, genauer gesagt ihr Konzept von der "Werkautonomie". Die Theorie erhob das Kunstwerk nicht nur auf einen Thron, der gewissermaßen über den Niederungen des Alltags schwebte. Sie rückte Kunstwerke zudem in den Rang unantastbarer Objekte. Was ein Komponist in vier Sätzen vorgesehen hat, das hat gefälligst auch in dieser Abfolge zu erklingen, basta. Und bitte kein Beifall dazwischen.

Daniel Barenboim
Daniel Barenboim

Mehr als 100 Jahre später sollte man das entspannter betrachten - und es ohne den heiligen Ernst der Romantik genießen, wenn jemand Konfekte aus der Zugaben-Abteilung so betörend serviert wie nun Daniel Barenboim.

Zugegeben: Die Klavierauftritte des Dirigent, Solisten, Intendanten und Orchesterleiters haben in der Vergangenheit immer wieder erahnen lassen, wie wenig Zeit dem Multifunktionär zum Üben bleibt. Die neue "Encores"-CD bringt nun aber, ohne den Schatten der Patzer, seine Kernkompetenz zum Glänzen, nämlich die Delikatheit seines Pianos.

Bartolomey

Bittmann
Bartolomey
Bittmann

Das Programm ist weitgehend dafür abgestimmt und beginnt mit einer Zugabe, die verlässlich ein wohliges Raunen durch den Saal wogen lässt, nämlich Schuberts Impromptu in Ges-Dur (D 899). Es ist schon ein Gedicht, wie flüssig und feinnervig dieses Stück hier dahingleitet, nur gebremst von ein paar feinen Ritardandi, die in himmlische Spitzentöne gipfeln. Dabei stuft Barenboim nicht nur seinen Anschlag bis zu einem streichelweichen Nichts ab. Er erweist sich auch sonst als Meister des Klaviersounds, nachzuhören etwa, wenn in Debussys "Clair de Lune" ätherische Akkorde über einem satten Bassfundament schweben und das Hallpedal das Geschehen nur zart aquarelliert.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Gut: Auf dem Terrain von Frédéric Chopin agiert der 79-Jährige mit wechselnder Fortüne, gerät in der Hektik einer Etüde (opus 10/4) etwas ins Straucheln. Mit der Musik von Robert Schumann stößt er dagegen ein Fenster zu den Sehnsuchtssphären der Romantik auf: Wie Barenboims Flügel die innigen Melodien der "Träumerei" und des Klangidylls "Des Abends" entströmen, das ist ebenso zart wie bezwingend.

Als Kontrast dazu ausnahmsweise eine Empfehlung, die nur sehr bedingt als Klassik-CD gelten darf: Die Herren Matthias Bartolomey und Klemens Bittmann werken an Cello beziehungsweise Violine und Mandoline, sind in ihren Kompositionen aber weniger den Traditionen der Kammermusik verpflichtet als vielmehr dem Sturm und Drang einer härteren Rockmusik. Auch das vierte Album des Duos besticht durch ein Ungestüm, das sich in lodernden Geigenfigurationen, geharnischten Cello-Riffs und kehligen Duo-Gesängen Bahn bricht, phasenweise aber auch Ruhephase und freundlichen Melodien weicht. Crossover im Zeichen der Ekstase, erfreulich einfallsreich und in sich stimmig.