Wer als Musiknarr in den 1980er oder 1990er Jahren groß geworden ist, hat seinen Freunden gerne "Mixtapes" aufgenommen - Musikkassetten mit einer Auswahl von Lieblingsstücken, kurzweilig und kunterbunt gemischt.

Das Programm von Khatia Buniatishvili am Montag erinnert an diese Tonbänder: Die Pianistin betreibt im Konzerthaus eine Art Komponisten-Hopping und gönnt sich einen Zickzackkurs durch die Jahrhunderte. Nach einem Beginn mit der Film- und TV-bekannten "Première Gymnopédie" von Erik Satie macht sie bei Frédéric Chopin Station, die nächsten Stopps lauten Bach, Schubert, Liszt. Eine Pause in der Konzertmitte? Gibt es nicht, auch das Klatschen scheint eher unerwünscht. Das suggeriert Buniatishvili jedenfalls, indem sie sich nahezu nie vom Flügel erhebt und die Körperspannung auch in kurzen Spielpausen aufrechterhält.

Am erstaunlichsten aber der Grundton des Abends: Ausgerechnet Buniatishvili, Tastenlöwin mit einer Tendenz zum virtuosen Prankenhieb und lustvollem Temporausch, erweist sich als fast durchwegs sampftpfötig. Schuberts Ges-Dur-Impromptu (D 899), gemeinhin gern mollig gesteigert, entschwebt dem Klavier hier ätherisch und verschwommen, der Beginn von Liszts "Consolation" (Des-Dur) schrammt an der Hörschwelle und Schuberts "Ständchen" (Liszt-Fassung) erhält nicht nur eine Dezibelgrenze, sondern auch ein drakonisches Tempolimit aufgebrummt. Leise, leiser, langsam, langsamer: Solche Extremwerte stehen nicht jedem Stück gleichermaßen gut an. Sie können aber schon auch Momente der Magie entfalten. Buniatishvili, der ihre Locken immer wieder ins entrückte Gesicht fallen, wirkt in solchen Augenblicken wie die Ritualmeisterin einer Séance, ihr Klavier wie von einem singenden Geist behaust. Exzentrisch? Ist das schon, aber von einer schwärmerischen Zartheit geprägt.

Es sind aber doch auch handfestere Momente zu erleben. Chopins As-Dur-Polonaise etwa, mit dem nötigen Schneid gestaltet und Finesse im fitzeligen Mittelteil. Gegen Ende noch ein Schwergewicht aus der Virtuosen-Abteilung, nämlich Liszts Zweite Ungarische Rhapsodie. Mag sein, dass hier nicht jede Temporückung einleuchtet. Dafür begeistert die Wendigkeit, mit der leichthändige Quirligkeit und kapitaler Tastendonner wechseln. Am Ende Beifall, drei Zugaben - und Luftbussis von der bisher so introvertierten Pianistin für ihr Publikum.