Von "glücklichen Umständen" kann man derzeit zwar kaum reden. Als die Philharmoniker am Donnerstag ihr Sommernachtskonzert abhielten, waren die Bedingungen dafür aber jedenfalls vergleichsweise günstig: Die nächste Corona-Welle ist zwar schon angerollt, hat aber bisher keine Folgen für Massen-Events. Zudem lachte dem Ensemble das Wetterglück: Das Konzert passte in ein Zeitfenster zwischen zwei Regengüsse. Gut: Die unsichere Wetterlage dürfte das Spektakel auch einige Gäste gekostet haben. 65.000 Besucher wurden gezählt, fast die Hälfte weniger als im Rekordjahr 2018. Verglichen mit den lediglich 3000 Corona-bedingt zugelassenen Personen des Vorjahrs aber ein massiver Zugewinn. Alles in allem heuer: ein relativer Erfolg.

Das gilt auch für das Musikprogramm, erstmals geleitet von Andris Nelsons. Ehrlich gesagt: Man kann einer Notenmasse mehr vitale Nuancen untermischen, als es der Lette tut. Beethovens Dritte Leonoren-Ouvertüre gereicht er eher robust, die Traditionszugabe "Wiener Blut" ohne säuselnden Streicher-Liebreiz.

Andererseits: In den Weiten des Parkgeländes zählen nicht Finessen, sondern wuchtige Soundeffekte. Und die bleibt der Abend ebenso wenig schuldig wie ein politisches Zeichen. Im Bemühen, die Landkarte Europas zum Klingen zu bringen, setzt es eine furiose "Rumänische Rhapsodie" von George Enescu, einen aufgedonnerten Tango aus Lettland (Arturs Maskats), einen italienischen Rossini-Reißer (Ouvertüre aus der "Diebischen Elster") und nicht zuletzt einen schwelgerischen Walzer aus der Ukraine ("Abschied" von Mykola Lysenko). Als Entdeckung des Abends darf aber wohl das Erste Cello-Konzert von Camille Saint-Saëns gelten: ein Ausbund an Pariser Eleganz und romantischer Sehnsucht, von Gautier Capuçon mit Emphase und Genießerblick vorgetragen.