Dutzende Fahrräder düsen in Windeseile in den Kreisverkehr, dazwischen ein aufmüpfiger Mopedfahrer und tobende Passanten am Straßenrand. Vorne wird gebremst, hinten gehupt. Man könnte meinen, Charlie Chaplin renne sogleich mit gehaltener Melone um die Ecke. "Shepard’s March", verfasst von der Komponistin Sky Macklay, erinnert an dieses kaum fassbare Straßenwirrwarr. Dirigent Bas Wiegers bringt das Stück am Mittwoch mit dem Klangforum Wien ebenso zur Uraufführung wie zwei weitere Novitäten, das Programm ist in drei Inseln geteilt: Während die erste mit Macklays Marsch nach Abenteuer klingt, erobert Patricia Alessandrinis Komposition "Abhanden" die zweite mit einer gespenstischen Atmosphäre. Trevor Grahls’ Bearbeitung von Charles Ives’ "Lincoln, the Great Commoner" setzt diesem Land weitere unheilvolle Klänge hinzu. Umrahmt von Marschmusik endet Lincolns Geschichte mit dem historischen Schuss. Wiegers streckt dabei eine Pistole in die Höhe und wird damit Teil einer Performance; diese hatte mit einer Diskussion zwischen ihm und dem Bariton Thomas Hampson begonnen und geht allmählich auf Mitglieder des Orchesters über. Hampson kommt freilich nicht nur da zum Zug: Er firmiert vor allem als singendes Zentrum für überraschende Neuarrangements von Liedern Ives’ und Gustav Mahlers.

Die Expedition auf die letzte "Insel" des Abends startet mit der Uraufführung von Christopher Trapanis "Unfeeling": Die Streicher lassen ihre Bögen dabei über den Saiten kreisen, als würde ein DJ unter seinen Fingern eine Platte beschleunigen. Gegen Ende des Stücks stellt sich eine romantische Stimmung ein, auch wenn Kröten- und Vogelstimmen aus dem Schlagwerk allen Mitwirkenden die Show stehlen. Das Publikum genießt den frischen Esprit mit geschlossenen Augen und applaudiert freudig.