Auf die Frage, wie man es zum Schriftsteller von Welt bringt, soll Charles Bukowski einem Jungspund einmal geraten haben, nach Kräften zu rauchen und dem Alkohol zuzusprechen.

Es ist eher nicht davon auszugehen, dass Herbert Blomstedt, Dirigent des Jahrgangs 1927, einen ähnlichen Karrieretipp von sich geben würde. Der Silberschopf aus Schweden ist nicht nur für seinen nüchternen, klaren Verstand und den noch (recht) agilen Bewegungsapparat bekannt, sondern auch als Verfechter eines lasterfreien Lebenswandels. Kein Alkohol, kein Nikotin, kein Fleisch: Blomstedt ist gewissermaßen der Mann ohne ungesunde Eigenschaften. Deshalb - und wohl auch schlicht dank eines gnädigen Schicksals - steht er immer noch mit beiden Beinen im Berufsleben und erobert nun, kurz vor seinem 95. Geburtstag am 11. Juli, noch eine neue Stufe der Karriereleiter: Am Freitag erscheint sein erstes Album für das Prestige-Label Deutsche Grammophon und präsentiert den Jubilar am Pult des Gewandhausorchesters Leipzig. Kurioserweise ist dieses Album leicht zu verwechseln mit einer anderen Neuerscheinung: Erst vor wenigen Wochen hat das Label Accentus ebenfalls eine Aufnahme mit dem bejahrten Schweden und dem Leipziger Orchester veröffentlicht.

Schubert Symphonies
Schubert Symphonies

Welche dieser CDs man kaufen sollte, ist Geschmackssache - beide sind hochklassig geraten. Blomstedt, rund um das Jahr 2000 Chefdirigent des Gewandhausorchesters, ist mit dessen Klangkultur wohl vertraut; auf dem DG-Album stellt er das reiche Kolorit in den Dienst von Schuberts Unvollendeter und der Großen C-Dur-Symphonie. Eine romantische Aufnahme, könnte man sagen angesichts der tönenden Schönheit, der moderaten Tempi und des Verzichts auf die Extreme des Originalklangs. Und doch: Ein behäbiger Schubert ist das nicht geworden. Blomstedt besitzt Expertise darin, Spannungsbögen zu modellieren, gestaltet sie mal mit entschlossenem Zugriff, mal mit zärtlicher Detailiebe. Selbst leise Streicherfigurationen können hier eine unwiderstehliche Sogwirkung erzeugen, die schnittigen Bläsersätze in Schuberts Neunter gemahnen mitunter frappant an die blechernen Kulminationspunkte bei Anton Bruckner.

Mozart/Voříšek Gewandhausorchester Herbert Blomstedt (Accentus)
Mozart/Voříšek Gewandhausorchester Herbert Blomstedt (Accentus)

Einen ähnlichen Tonfall schlägt der wohl dienstälteste Dirigent der Welt auf dem zweiten Album an: Mäßige Tempi, eine drahtige Dynamik und minutiöse Detailgestaltung kosten die Schönheit von Mozarts Prager Symphonie voll aus; zudem imponiert die D-Dur-Symphonie des Tschechen Jan Václav Voříšek durch ihr düsteres Scherzo. Bleibt zuletzt ein herzliches Happy Birthday zu wünschen. Und leider auch: Gute Besserung! Nach einem Sturz muss Blomstedt nämlich einige Wochen aussetzen und darf seine Geburtstagskonzerte nicht leiten. Kenner des Schweden ahnen aber wohl: An einer Bühnenrückkehr kann kein Zweifel bestehen.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.