Seltsame Wege gehen die Klassik-Labels, und das mitunter sogar dann, wenn sie Licht in Repertoire-Nischen bringen wollen.

Eines dieser mutigen unabhängigen Labels, die man nicht genug unterstützen kann, kommt aus Österreich und heißt Capriccio. Nun ist dort die "Seven Stars Symphony" von Charles Koechlin erschienen, und diese Veröffentlichung macht glücklich und ein bisschen unglücklich zugleich.

Der Elsässer Charles Koechlin (1867-1950) ist immer noch allzu unbekannt. Er war rund fünf Jahre jünger als Claude Debussy und starb im Jahr, in dem sich Luigi Nono mit den "Variazioni canoniche" der Musikwelt vorstellte.

Charles Koechlin Seven Stars Symphony



(Capriccio)
Charles Koechlin Seven Stars Symphony



(Capriccio)

Koechlin war einer der fortschrittlichsten Geister seiner Zeit: Er schrieb Harmonie- und Kontrapunktlehren und die mit vier Bänden und mehr als 1.000 Seiten umfassendste Instrumentierungslehre aller Zeiten. In Paris unterrichtete er Komposition. Nebenbei war er ein Pionier der Fotografie.

Mit Verve setze sich Koechlin für die Komponisten der neuen Musik ein - nur nicht für sich selbst. So kam es, dass ein erheblicher Teil seines Oeuvres mit mehr als 220 Werken aller Sparten außer der Oper beim Tod des Komponisten ungedruckt und unaufgeführt war.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

In den letzten drei Jahrzehnten hat sich die Lage geringfügig gebessert. Doch nun sieht es so aus, dass der Tonträgermarkt mit immer den gleichen Werken aufwartet. Bei den Orchesterwerken heißt das: mit dem "Dschungelbuch"-Zyklus, der die drei schönsten Orchesterlieder aller Zeiten enthält, und eben mit der "Seven Stars Symphony", die nun die dritte Einspielung nach der unter Alexandre Myrat und der unter James Judd erfahren hat.

Glücklich macht die Aufnahme, weil die französische Dirigentin Ariane Matiakh mit großem Feingefühl an das Werk herangeht.

Was Koechlin in dem 1933 geschriebenen siebensätzigen Werk versucht, sind musikalische Porträts der Leinwandstars seiner Zeit: Douglas Fairbanks, Lilian Harvey, Greta Garbo, Clara Bow, Marlene Dietrich, Emil Jannings und Charlie Chaplin. Es handelt sich weder um Quasi-Filmmusik noch um leichtgewichtige Scherze. Koechlins Musik ist ernst, nobel, unglaublich farbintensiv. Die Eleganz des Marlene-Dietrich-Satzes wird ausbalanciert durch die fast außerirdische Klanglichkeit des Douglas-Fairbanks-Satzes, und eine Ondes-Martenot-Monodie charakterisiert Greta Garbo. Koechlin verwendet Tonalität, Modalität und erweitert die Harmonik zu polytonalen und atonalen Akkordballungen, etwa im Emil-Jannings-Porträt. Immer ist die Richtung der Musik offen, wie im Carlie-Chaplin-Finale, das vor allem die melancholischen Züge des Schauspielers reflektiert.

Ergänzt wird die Symphonie mit dem spätromantischen und ebenfalls längst mehrfach und, etwa von Thomas Rösner, weit besser aufgenommenen Orchesterstück "Vers la voûte étoilée".

Ariane Matiakh sorgt für flüssige Bewegung und strebt eine genaue Feinabstufung der Farben an, die sie vom Sinfonieorchester Basel nicht immer in der gewollten Delikatesse bekommt.

Für Sammler französischer Musik und weniger bekannter Werke ist diese CD absolut unverzichtbar. Doch die Fragen bleiben: Weshalb noch eine "Seven Stars Symphony", wenn Koechlins beide Symphonien bisher ebenso wenig eingespielt wurden wie seine Hymnen-Symphonie, seine "Walpurgisnacht" oder "Les Eaux vives"? Gerade bei Komponisten, die so wenig auf Tonträgern präsent sind, schmerzen solche Verdoppelungen, die vertane Chancen auf ein Mehr bedeuten.