Zugegeben, der Titel dieser CD hätte sich mehr Fantasie verdient: "Freddie De Tommaso - Il Tenore" steht darauf - eine Überschrift, die Eulen nach Athen trägt. Immerhin ist De Tommaso seit längerer Zeit unter Klassikfans bekannt; und die wissen auch gut Bescheid, dass sich der 29-Jährige seinen Lebenunterhalt nicht als Versicherungsmakler oder Zahnarzt verdient, sondern eben als Vertreter der Tenorzunft.

In Wien darf das als stadtbekannt gelten, seit der Sänger mit den britisch-italienischen Wurzeln im Ensemble der Staatsoper arbeitet und sich im Laufe dieser zwei Vorjahre durch einige Neben- und Hauptrollen gehangelt hat, von Verdis Macduff über Puccinis Pinkerton bis zu Bizets Don José.

Nun legt De Tommaso sein bereits zweites Album vor und meldet damit, so darf man es wohl interpretieren, in der Opernwelt sein Interesse an den großen Puccini-Rollen an. Der Cavaradossi aus der "Tosca", der Calaf aus "Turandot", der erwähnte Pinkerton aus der "Madama Butterfly" und zum Abschluss noch ein paar "Carmen"-Minuten mit Bizet: De Tommaso nimmt sich vor allem dramatische Kaliber zur Brust und liefert mit seinen Einspielungen durchaus imposante Befähigungsnachweise.

Freddie De Tommaso Il Tenore (DG)
Freddie De Tommaso Il Tenore (DG)

Mag zwar sein, dass seine Stimme keine unverwechselbare Färbung besitzt. Dafür erfreut sie mit einer süffigen Fülle und einem gewaltigen Vorzug für diese stark orchestrierten Stücke: De Tommaso besteht den wiederkehrenden Stresstest hoher Lautstärken, jedenfalls auf CD, unbeschadet. Wenn sein Tenor Dezibelspitzen erreicht, dann droht kein (Ab-)Reißen der Töne, kein quetschiger, schriller Sound: Sein Klang verdichtet sich zu einem metallisch glänzenden Heldenkolorit - nicht zuletzt in Puccinis "Nessun dorma".

Jean-Guihen Queyras, Alexander Melnikov Cello Sonatas (harmonia mundi)
Jean-Guihen Queyras, Alexander Melnikov Cello Sonatas (harmonia mundi)

Ein weiterer Vorzug dieses Albums: Nicht nur De Tommaso erweist sich als Quelle der Intensität, das Philharmonia Orchestra unter Paolo Arrivabeni setzt ebenso auf tönenden Sturm und Drang. Außerdem: Unter den drei Gesangspartnerinnen macht auch Shooting-Star Lise Davidsen dem Kollegen ihre Aufwartung (und tönt in dieser Studioaufnahme ausgewogener in ihrer Lautstärkengestaltung als zuletzt live in Wien). Alles in allem also ein Album, das seinen Protagonisten als klangschönes Energiebündel ausweist. Kleiner Warnhinweis jedoch: Die Fülle der Schmacht-, Pracht- und Brunftarien und der Mangel an lyrischen Ruhe-Oasen kann beim Anhören einen gewissen Abstumpfungseffekt nach sich ziehen - insofern empfiehlt sich eher ein Konsum in homöopathischen Dosen.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Als Kontrast dazu sei ein Duett von Frédéric Chopin empfohlen. Tatsächlich, das gibt es: Der introvertierte Pole hat kurz vor seinem Tod eine Sonate für Cello und Klavier veröffentlicht. Jean-Guihen Queyras und Alexander Melnikov haben dieses - nicht ganz eingängige, teildüstere - Werk eingespielt und dafür einen idealen Kompromiss gefunden: Sie bringen das immer wieder aufwallende Temperament des Klanggeschehens zur Geltung, ohne die für Chopin so wichtige Transparenz zu gefährden. Ob es dafür ein historisches Érard-Klavier braucht, ist Geschmackssache; die anschließende Cellosonate von Rachmaninow schwelgt in den wohltuenden Klangfarben eines Steinway.