Nicht nur in Deutschland und Österreich wurde man über Jahrzehnte nur ungern an die Schoa erinnert. Auch die Ukraine und Russland haben ihre rabenschwarzen Orte. Einer davon ist unmittelbar in Kiew. Man kann zu Fuß von der Andreaskirche hingehen in jene Schlucht, die heute eher einer gepflegten Parkanlage ähnelt. 1941 wurde sie für mehr als 33.000 Kiewer Juden zum Grab.

Teodor Currentzis überzeugte mit Dmitri Schostakowitschs 13. Sinfonie. - © Astrid Ackermann
Teodor Currentzis überzeugte mit Dmitri Schostakowitschs 13. Sinfonie. - © Astrid Ackermann

Die Eröffnung der diesjährigen Ouverture spirituelle der Festspiele mit "Babi Jar", der Symphonie Nr. 13 b-Moll op. 113 von Dmitri Schostakowitsch, war schon geplant Monate, bevor der Krieg in der Ukraine ausbrach. Ob man vom heutigen Standpunkt ausgerechnet Teodor Currentzis als Dirigenten des Gustav Mahler Jugendorchesters gewählt hätte? Ob sein Engagement statthaft ist, wurde ausgiebig bezweifelt in den letzten Wochen und Monaten. Das Festspielpublikum hat eine eindeutige Antwort gegeben: Nicht eine Gegenstimme, kein Protest in- oder außerhalb des Hauses. Da galt die eindringliche Interpretation wohl allen mehr als alle Fragwürdigkeit einer Nicht-Distanzierung von Putins Krieg. Das bleibe einmal so stehen.

Dienstag im Großen Festspielhaus: Teodor Currentzis einmal nicht als Pult-Scharlatan, sondern als kapellmeisterlich souveräner Lenker eines Riesenapparats nicht nur mit bedrohlichem Schlagwerk. Er hat das Gustav Mahler Jugendorchester so gelenkt, dass da eine Vielzahl von kammermusikalisch feinen Einzelheiten herauskam. Über all dem groß dimensionierten Aplomb so viel Durchhörbarkeit, dass man wirklich jedes Wort des Bass-Solisten und des Männerchors verstanden hat - Dmitry Ulyanow und das Kollektiv
(musicAeterna Choir und Salzburger Bachchor) haben da mühelos die Sprachgrenze eingerissen, so anschaulich waren die Vokalparts gestaltet. Zwei Minuten andächtiges Schweigen danach.