Giacomo Carissimis "Jephte": Als wegbereitendem Ur-Oratorium ist diesem Stück ein Fixplatz in den Musikgeschichtsbüchern sicher. Aber wer führt’s schon auf? Sir John Eliot Gardiner und der Monteverdi Choir haben am Mittwoch bei der Ouverture spirituelle der Salzburger Festspiele einen hohen Pegel an Emotion vorgelegt: Hat Jephta doch gelobt, nach dem Sieg über die Ammoniter den ersten Menschen zu opfern, der ihm über den Weg läuft. Man ahnt es schon, es geht ihm wie Idomeneo. In seinem Fall ist’s die Tochter. Laut Altem Testament wurde dieses Opfer tatsächlich vollzogen (was neumodernen Bibelexegeten ziemlich gegen den Strich geht). Wie auch immer: Zwei Monate des Klagens erbittet die Tochter vom Vater, in den Bergen wird ihr Lamento vom zweistimmigen Echo zurückgeworfen - das ist mindestens so einprägsam wie das rabiate "Fugite ... occumbite in gladio", mit dem es den Ammonitern in der Schlacht an den Kragen geht.

Graham Neal - ein Jephte, der seiner Verzweiflung nicht wenig Nachdruck verlieh. Charlotte La Thorpe - die Tochter mit jungfräulich-reinem Sopran. Der Part des Erzählers ist auf mehrere Einzel- und Chorstimmen aufgeteilt. Es war spannend zu erleben, wie Gardiner Ausdrucks-Furor entfacht und mit sicherer Hand auch wieder einfängt.

Ein ähnliches Schicksal wie Carissimis "Jephte" haben auch die "Musikalischen Exequien" von Heinrich Schütz. Sie werden viel gelobt, aber ebenfalls kaum einmal aufgeführt. Schütz’ Dienstgeber hat das eigene Begräbnis pingelig vorbereitet, auf den Sarg biblische Sinn- und Trostsprüche sonder Zahl malen lassen, die er, wenn’s denn so weit ist, auch beim Begräbnis gesungen wissen wollte. Eine echte Herausforderung, diesen protestantischen Schlagwörter-Katechismus zu vertonen. Das konnte in der Epoche (wir schreiben 1636) nur Schütz und sonst keiner.