Michael Gielen ist bekannt für seine Aufführungen von Musik der Komponisten des erweiterten Arnold-Schönberg-Kreises. Doch auch seine Beethoven- und Mahler-Interpretationen sind exemplarisch. Nun legt das Label Orfeo eine CD vor, auf der Gielen am Pult des ORF-Sinfonieorchesters Werke von Olivier Messiaen aufführt - und das überrascht einigermaßen.

Gielen nämlich war der vielleicht extremste Exponent eines tiefschürfenden Nachkriegs-Nihilismus. Je schwärzer ein Komponist die musikalische Welt malte, desto besser war Gielens Aufführung.

Solch ein Ansatz passt freilich kaum zu Messiaens katholisch gläubigem Jubel mit seinen verzückten Klanggloriolen, den Alleluja-Rufen und den ekstatischen Apotheosen, die den Glanz von Gottesgegenwart und Paradies beschwören wollen.

Olivier Messiaen Chronochromie, Poèmes pour Mi, Les offrandes oubliées
Olivier Messiaen Chronochromie, Poèmes pour Mi, Les offrandes oubliées

Doch da ist in einzelnen Werken auch ein anderer Messiaen, bei dem der Glaube eine untergeordnete bis irrelevante Rolle spielt: Der einer kühlen Konstruktivität und der einer glühenden Erotik.

Messiaens extremstes Werk der Konstruktivität ist "Chronochromie" (ungefähr "Farbe der Zeit"): Messiaen überlagert Zyklen von Tondauern, die er mit Akkordsäulen und Vogelgesängen gleichsam koloriert. Der sechste der sieben Sätze besteht aus einer Polyphonie von 18 solistischen Streichinstrumenten, das jedes einen anderen Vogelgesang spielt. In einem anderen Satz. In anderen Sätzen treten die Geräusche von Wind und Wasserfällen hinzu, dass wieder scheinen lange Trillerketten der hohen Streicher die Luft vibrieren zu lassen, in der die Vogelgesänge erklingen.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Nun aber geschieht etwas Seltsames: Gielen lässt das bis an die Grenze seiner Möglichkeiten geforderte ORF-Orchester diese Musik mit einer Genauigkeit ausführen, die ihresgleichen sucht. Die Klänge sind minutiös ausbalanciert, die Tondauern exakt eingehalten - nur: Dem Werk hilft‘s nicht. Klein wirken diese 20 Minuten, komplex um der Komplexität willen. Gäbe es nicht die unfassbar klangschöne Interpretation von Pierre Boulez mit dem Cleveland Orchestra auf der Deutschen Grammophon, die Musik aus der Konstruktion macht, man käme auf den Gedanken, dass es sich um ein experimentelles Nebenwerk handelt.

Ganz anders steht es um die "Poèmes pour Mi": Diese Orchesterlieder auf Messiaens eigene surrealistische Texte, liest Gielen ebenfalls extrem genau und veranlasst die Solistin Sarah Leonard, all das minutiös mitzuvollziehen, sich quasi in das Orchester einzufügen, aber in diesem Fall spürt man die Ekstase, Leidenschaft und verzückter Taumel teilen sich überzeugend mit: Hier führt die Akribie zu einem letzten Endes doch geschlossenen und überwältigenden Bild, bei dem sich all die von Gielen hörbar gemachten Details ins Ganze fügen.

"Les offrandes oubliées" (die vergessenen Dankopfer) sind ein frühes Orchesterwerk, in dem Messiaen lange Melodielinien über dicht gepackte, leuchtende Akkorde legt. Auch hier bewährt sich Gielens Zugriff: Der Klang ist wunderbar ausbalanciert, die Musik atmet in gleichsam schwebender Spannung, der an Strawinskis rhythmische Exzesse gemahnende Mittelteil erklingt scharf und hart, der finale Streicherhymnus in zarter Verzückung.

Aufnahmetechnisch sind "Chronochromie" und "Offrandes" in Ordnung, die "Poèmes" hingegen klingen etwas entfernt. Insgesamt ist die Aufnahme kein Muss, aber eine Bereicherung, wenn man sich für Gielen und / oder Messiaen begeistert.