Gleich zwei Biografien haben ihn heuer porträtiert, nun zollen ihm die Salzburger Festspiele Tribut: Wolfgang Rihm, im März 70 geworden, ist dieser Tage bei einer Konzertreihe in der Mozartstadt präsent - und am Mittwoch nach einer Aufführung im Mozarteum euphorisch bejubelt worden. Nachdem Intendant Markus Hinterhäuser den in den Vorjahren mehrfach krebserkrankten Komponisten im Rollstuhl in Richtung Bühne geführt hatte, gab’s kein Halten: Das Publikum schnellte nur so von den Sitzen hoch; Rihm wiederum schwenkte seine Kappe für eine verschmitzte Dankesbekundung und erhob sich für einen Moment aus dem Rollstuhl.

Natürlich: Dieser Jubel war in erster Linie persönlich gemeint - er galt jenem deutschen Charakterkopf, der ab den 70ern zu einer Schlüsselfigur der Neuen Musik aufgestiegen war. Der Beifall war aber freilich auch eine Folge des soeben verklungenen, wirkungsstarken Einakters. 1979 uraufgeführt, ist Rihm mit seinem "Jakob Lenz" ein Husarenstück gelungen: Wiewohl alles andere als gefällig anzuhören, hat sich die Kammeroper zu einem Repertoirewerk gemausert.

Das liegt zum einen an einer Musiksprache, die zwischen raffinierten Barockanleihen, luftigen Sphärenklängen und avantgardistischen Notengewimmeln wechselt (und mit diesem Reichtum am Mittwoch auch ein wenig über den Makel einer lediglich konzertanten Aufführung hinwegtröstete). Das Kraftzentrum des knappen Stücks ist allerdings seine Hauptfigur - jener geisteskranke Dichter und Bergwanderer, dem bereits Georg Büchner eine Erzählung gewidmet hatte. Rihm überträgt dessen expressive Energie verlustfrei auf die Opernbühne, lässt den Protagonisten mit seinen inneren Stimmen ringen, nicht zuletzt aber auch an einer verständnisarmen Umwelt leiden. Es zählt zu den Höhepunkten der 75 Minuten, wenn Lenz mit dem biederen Dichterkollegen Kaufmann in einen Streit gerät und dabei nicht so sehr den Eindruck eines Geisteskranken als eines flackerhaften Genius erweckt - mit einer Rhetorik der sprudelnden Worte und jähen Stimmungswechsel, zwischen ätzendem Spott, zarter Poesie und wüsten Leidenslauten. Mag dieser Dichter dem Irrsinn auch erst am Ende völlig anheimfallen, leidet er bereits davor gewissermaßen an einem Restless Voice Syndrom.

Hut ab vor Georg Nigl: Der Bariton, bereits früher immer wieder Rihm-affin, besitzt die Schallstärke und Wendigkeit für die athletischen Ton- und Emotionssprünge des Untergehers; Damien Pass verleiht den Worten des Freundes Oberlin eine väterliche Klangmacht, John Daszak den Belehrungen von Kaufmann robuste Schlagkraft. Und während die Solisten des Salzburger Festspiele und Theater Kinderchors für ein Geschwirr der Geisterstimmen sorgen, lässt das Ensemble Le Balcon die Klangfarben schillern, bis das Haupthaar von Dirigent Maxime Pascal gänzlich in Schweiß gebadet ist - ein denkwürdiger Abend, auf den am Sonntag im Mozarteum der Abschluss der Rihm-Reihe folgt.