"Im Jahr 2022 feiert die Musikwelt den 200. Geburtstag von César Franck", ist im Internet zu lesen. Das ist richtig und falsch. Richtig, weil César Franck heuer wirklich 200 Kerzen ausblasen könnte - also wenn er könnte. Falsch, weil ihm nicht die gesamte "Musikwelt" von Ost bis West, Norden bis Süden, huldigt. Franck besitzt nicht die Popularitätswerte eines Mozart oder Beethoven. Ja, nicht einmal zu seinen Lebzeiten war es allgemein bekannt, dass der Mann mit dem breiten Backenbart auch Komponist war. Ähnlich wie Anton Bruckner hatte sich Franck vor allem einen Namen als Organist gemacht, brillierte mit diesen Tastenkünsten in den Pariser Kirchen und gab sie am Konservatorium als "Père Franck" weiter.

Dabei hatte der Mann mit den belgischen Wurzeln auch auf dem Notenpapier etwas zu sagen. Bemerkenswert, wie deutsch er dabei geprägt war: Seine Musik schien am Struktursinn eines Johannes Brahms geschult, war zugleich über beide Ohren in die gefühlstrunkene, farbige Harmonik von Richard Wagner verliebt. Eine Spezialität von Franck: Einen sehnsuchtvollen Gesang so sehr durch Modulationen zu steigern, bis er Spitzenwerte der Leidenschaftlichkeit erreichte.

Plinio Fernandes. - © Rebecca Naen
Plinio Fernandes. - © Rebecca Naen

Eigentlich ein Jammer - nur zwei von Francks Stücken haben sich in den Konzertsälen gehalten, nämlich die Symphonie in d-Moll und die überwältigende A-Dur-Sonate für Violine und Klavier - beides Werke, die einem den Beifall nur so aus den Händen reißen. Müsste dieser Tonsetzer im Lauf seiner knapp 70 Lebensjahren nicht eigentlich weit mehr als zwei starke Stücke geschrieben haben?

Eliot Quartett 

Le temps retrouvé
Eliot Quartett
Le temps retrouvé

Das stimmt natürlich, und das deutsche Eliot Quartett belegt es: Die vier Frankfurter haben zum Jubiläum das Streichquartett Francks eingespielt sowie dessen Klavierquintett in f-Moll (mit dem Russen Dmitri Ablogin).

Vor allem das Quintett erweist sich als Kraftprotz, entwickelt trotz kleiner Besetzung nämlich gewaltige Intensität und erinnert damit an die Geigensonate: Es ist, als würden in diesen 34 Minuten Leidenschaftsvulkane explodieren, Inbrunstwellen brechen und Sehnsuchtskometen glühende Bahnen ziehen. Gewiss: Diese Vielzahl an Achs und Wehs birgt umgekehrt das Risiko, dass das Ohr daran abstumpft. Das geschieht hier aber nicht, weil das Eliot Quartett ein Herz für die delikaten Momente dieser Musik hat, mit einer wendigen Dynamik arbeitet, immer wieder in einen Flüsterton verfällt, elegante Kontrapunkte ausleuchtet und ätherische Klangflächen. Kurz: eine schöne Sache.

Plínio Fernandes Saudade
Plínio Fernandes Saudade

CD-Tipp Nummer zwei für diese Woche gilt ebenfalls einem Randphänomen - allerdings unter den Interpreten. Warum nur will kaum jemand mehr klassische Gitarristen hören? Das Label Decca schickt nun den Brasilianer Plínio Fernandes mit einem heimatverbundenen Solo-Album auf Charmeoffensive: Ohrwürmer von Antonio Carlos Jobim (ja, auch "The Girl From Ipanema") zieren die Scheibe, Grenzgänge zwischen Folklore und Klassik, dazu Notenspenden des legendären Heitor Villa-Lobos. Gut: Dessen "Cantilena" gerät leider übersüßlich. Ansonsten ein Album, das unaufgeregt die titelgebende "Saudade" (wohlige Schwermut) vermittelt und mit sanften Klangpoemen gefällt.