Die Sache hat etwas Pikantes: Das West-Eastern Divan Orchestra vereint Musiker aus Israel und den Gebieten der Palästinenser, mit dem erklärten Ziel, gegen Nationalismen anzukämpfen. Und dann spielt dieses Orchester ausgerechnet Smetanas Zyklus "Má vlast" (Mein Vaterland) - zur Entstehungszeit eine musikalische Kampfansage für tschechische Selbstbehauptung gegenüber der Habsburgermonarchie.

Zwei Mal ist das Orchester unter seinem jetzt 80-jährigen Gründer Daniel Barenboim in Salzburg, und wie in allen Orchesterkonzerten dieser Woche ist Nationalmusik in unterschiedlichen Facetten Thema. Smetanas Tondichtungen stehen unmittelbar für ein klares politisches Statement. Ob Barenboim an der Spitze seines Orchesters derzeit den Taktstock heben würde für Taras Bulba oder anderen Musiken von dem Ukrainer Mykola Lysenko? Leider im Wortsinn vermintes Gebiet.

An die Wurzeln des böhmischen Nationalstolzes greifen vor allem die letzten beiden, auch von der Dauer her längsten Stücke "Tábor" und "Blaník". Im Ort Tabór ging’s während der Hussitenkriege turbulent zu. Aber keine Sorge, die frustrierten Kämpfer haben sich als Untote in den Berg Blaník zurückgezogen, um hervorzubrechen, wenn’s für Tschechien brenzlig wird. Das 20. Jahrhundert haben sie drinnen verschlafen, und so können sich heutige Zuhörer über allerlei folkloristisches Musikantentum freuen, gut heraushörbar auch im sich mächtig aufbauschenden Orchester. Das Survival der böhmischen Polka haben Barenboim und sein Orchester fein hingekriegt.