"Das beste Konzert meines Lebens", "einfach genial", "ein Magier": Geht es um den griechisch-russischen Dirigenten Teodor Currentzis, ist das Publikum emotionalisiert. So auch am Dienstag in der bestens besuchten Philharmonie Luxembourg, wo "Utopia", das neue Orchester des heftig diskutierten Musikers, mit einem Programm aus Highlights wie Strawinskis "Feuervogel" und "La Valse" von Maurice Ravel begeistert aufgenommen wurde. Mit beeindruckendem Klangfarbenreichtum, einem lebendig-frischen Zugang zu einem großen, stets differenzierten Spektrum an Lautstärke und Tempo ging es mit dem Dirigenten eine innige Liaison ein.

Ein verbindender Klang

Es passiert nicht oft, dass Klangkörper mit 116 Mitgliedern neu gegründet werden. "Klangkörper" trifft es besonders gut, denn hier sind führende Musiker Europas versammelt, Konzertmeister, Stimmführer, Solisten, wobei das klangliche Ergebnis nicht zwangsläufig eine Potenz der Einzelleistungen sein muss. Utopia-Mitglied Raymond Curfs, Solo-Paukist im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, bestätigt, dass sich dies alle Beteiligten gefragt hatten, "weil doch sehr unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen". Schließlich kommen die Musiker aus 30 Nationen. Er wurde positiv überrascht: "Bereits am Ende der ersten Probe konnte man von einem gemeinsamen Klang sprechen." Den der Streicher bezeichnet Stephan Gehmacher, Generaldirektor der Philharmonie Luxembourg, als "silbern, unglaublich agil". Er zählt sich, gemeinsam mit den Intendanten aus Hamburg, Berlin und Wien zu den Geburtshelfern von Utopia, als "Veranstalter, zu denen Currentzis Vertrauen hat". Drei der vier Häuser, an denen die erste Utopia-Tour Station macht, werden von Österreichern geleitet, das heißt, man kennt sich lange und gut. Laufende Abstimmung über die begleitende Kommunikation und Organisation war unumgänglich. Wobei Zurückhaltung bei potenziellen Kooperationspartnern und den Medien durchaus spürbar war und ist, denn nach wie vor vertreten einige den Standpunkt, Currentzis, dessen in Russland beheimatetes Orchester MusicAeterna von der staatlichen VTB Bank finanziert wird, habe sich verbal zu positionieren. Die Finanzierung von Utopia hingegen kommt von privaten europäischen Sponsoren, ein Großteil von Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz’ Kunst-und-Kultur-DM-Privatstiftung.

Beim Publikum in Luxemburg war von Zurückhaltung rein gar nichts zu bemerken: "Die Maßstäbe von allem, was ich bisher gehört habe, wurden hiermit gesprengt", so eine Besucherin. Im Publikum sitzen auffallend viele junge Menschen, im international geprägten Luxemburg auch zahlreiche russischer und ukrainischer Herkunft. Weder die Besucher noch die Musiker empfinden die Diskussionen um Currentzis als notwendig, im Gegenteil: Das sichtbare Streben nach einem gemeinsam entwickelten musikalischen Ergebnis und Erlebnis lässt niemanden unberührt und an der philanthropischen Einstellung des Dirigenten zweifeln. Currentzis selbst sagt: "Der einzige Gedanke, den ich habe, wenn ich vor dem Orchester stehe, ist, dass ich die Welt und mich selbst weiterentwickeln möchte. Wie kann eine gemeinsame Energie entstehen, ein gemeinsamer Atem? Es geht nicht darum, meine eigenen Ideen durchzusetzen, sondern diese ständig zu adaptieren. Es ist extrem wichtig, dass wir uns gegenseitig zuhören, wir müssen von Herz zu Herz sprechen. Ein Dirigent, der nicht zuhören kann, blockiert die Energie seiner Leute."

Teodor Currentzis setzt in seiner musikalischen Arbeit auf Kommunikation. Die erste Probenphase hat in Luxemburg stattgefunden, in konzentrierter, aber lockerer, animierender Atmosphäre. Currentzis schafft es, mit anschaulichen Bildern und sprühendem Charisma die Musiker zu packen: "Stellt euch den Musikverein in Wien vor, den kennen ja viele von euch sehr gut", weckt Currentzis die passenden Assoziationen für die Interpretation von Maurice Ravels Endzeitstimmungsstück "La Valse". Und fügt ganz ungezwungen an, "wenn es zu behäbig und schwer klingt, dann ist es ein sowjetischer Walzer". An anderen Stellen beschwört er einen heranrollenden Tsunami herauf oder einen Sonnenaufgang, der sich fließend verändert.

Der in Wien beheimatete Geiger Christoph Koncz hat die erste Probe dirigiert und ist von der Auswahl der Musiker begeistert: "Für Teodor sind ein offenes Herz, ein offener Kopf und Enthusiasmus für Musik das Wichtigste. So empfindet er auch sich selbst. Wir alle haben ganz unterschiedliche Hintergründe, sind aber vereint in unserer Liebe zur Musik und dem Willen, etwas Besonderes zu gestalten." Dieses gemeinsame Gestalten kristallisiert sich als Spezifikum von Utopia heraus. Currentzis geht noch einen Schritt weiter: "Orchester ohne Dirigenten sind die besten. Daher macht Utopia auch Kammermusik, da bin ich einfach Publikum. Utopia ist nicht Teodors Orchester. Es ist ein freies Territorium, wo sich Menschen treffen, um gemeinsam von der Zukunft der Musik zu träumen."

Gemeinsamer Weg als Ziel

Der junge Sologeiger Nikita Boriso-Glebsky lebt seit März in Wien und hofft, irgendwann wieder nach Russland zurückkehren zu können: "Wir alle haben eine Menge Diskussionen in unserem Leben über diesen Krieg. Aber hier bei Utopia sind wir wegen der Musik und für die Freundschaft. Hier sind wir, um zu zeigen, dass wir zusammen spielen können, wollen und sollen."

Teodor Currentzis ist zutiefst dankbar für sein neues Orchester: "Hier erleben wir, dass Unmögliches mit einiger Überzeugungsarbeit möglich werden kann. Der gemeinsame Weg ist das Ziel unseres Abenteuers, hin zur Selbsterkenntnis."