Die Zeit, sie eilt. Als die "Wiener Zeitung" Ángela Tröndle das letzte Mal interviewte, wölbte sich der Bauch der Sängerin unter anderen Umständen. Heute ist ihr "kleiner Knopf", wie sie ihn nennt, schon fünfeinhalb Jahre, ihr Berufsleben hat sich ebenfalls verändert: Die Bühnenauftritte haben sich verringert, die Kreativarbeit im Homeoffice ist gewachsen.

Ein Wechsel, der durchaus gewollt war, wie Tröndle sagt. "Ich habe gefühlte zehn Jahre Musikbusiness pur erlebt", sagt Tröndle, und sie habe sich damals stark unter Druck gesetzt: Der Anspruch, auf dem kleinen, hiesigen Markt dauerhaft präsent zu bleiben, "hat mich ermüdet. Da habe ich stopp gesagt, mir den Druck genommen - und einfach losgelassen."

Zugegeben: Das hatte natürlich auch mit der Geburt ihres Sohnes zu tun und den unvermeidlichen Folgen für das eigene Schlafpensum. Der Verzicht darauf, das Hamsterrad der eigenen Bühnenkarriere am Laufen zu halten, habe ihr aber auch bald unverhoffte Türen geöffnet. "Erfreulicherweise haben sich neue, ganz andere Möglichkeiten aufgetan."

Kammermusik-Premieren

Dazu zählt nicht nur, dass Tröndle seit einigen Jahren auch als bildende Künstlerin tätig ist, zarte Blaudrucke (Cyanotypien) verfertigt und diese über ihre Homepage feilbietet. Sie komponiert mittlerweile des Öfteren auch für Kollegen aus der klassischen Musik. Begonnen hat das mit ihrem Ersten Streichquartett für das Minetti Quartett, einem Auftragswerk der styriarte. Hat sich Tröndle mit dieser Debütarbeit schwergetan? Immerhin hatte sie davor im Singer-Songwriter-Fach und als Jazzerin gearbeitet, in Genres also, in denen man nicht jeden Ton ausnotiert und in Songs statt in Sätzen denkt. Tröndle: "Es war etwas anderes, hat sich aber total stimmig für mich angefühlt. Ich komme ja aus einem klassischen Umfeld; meine Mutter ist Cellistin, mein Vater Bratschist und ich selbst habe Geige und Bratsche gespielt."

Und wie klingen Tröndles Partituren? Tonal und jazzig, wie ihre eigene Musikvergangenheit, oder eher atonal, wie das in der Klassik-Welt seit 1945 weitgehend üblich ist? Tröndle: "Anfangs hatte ich da einen kleinen Komplex im Hinterkopf. Ich dachte, es müsse schräg klingen - immerhin schreibe ich hier für ein Ensemble der ‚Ernsten‘ Musik. Aber ich habe die Bedenken abgelegt. Ich schreibe, was aus mir rauskommt - das tut mir gut. Ich mag Dissonanzen und Reibungen. Aber sie dürfen sich auflösen, und ich habe das Gefühl, dass das als wohltuend erlebt wird." Das zeige sich nicht zuletzt daran, dass das Minetti Quartett ihr Stück international gespielt und wiederholt Lob erhalten hätte.

Nun hat Tröndle für das Ensemble ein Zweites Quartett geschrieben. "Movements From A Common Ground" heißt es, kommt am Dienstag im MuTh zur Uraufführung und ist inhaltlich am Frühlingsbeginn inspiriert. Schon am 21. Oktober folgt in der Alten Schmiede die nächste Novität - "Pathways of a sleepless Mind" für das Frühstück Klaviertrio.

Dass Tröndle gern Natur-Metaphern verwendet, kommt nicht von ungefähr: Das Herz der gebürtigen Salzburgerin schlägt für Wald und Flur. So sehr, dass in diesem Zusammenhang noch ein besonderer Termin erwähnt werden muss - nämlich Tröndles nächster "Silent Walk" am Vormittag des 21. Oktober. Seit 2020 veranstaltet sie diese Wanderungen in Kleingruppen: Wortlose Naturstreifzüge, die nach zwei Stunden Stille in einer gemeinsamen Improvisation münden. "Die Leute sind danach sehr beseelt", sagt Tröndle - und wundert sich ein wenig, dass sie heute "nicht nur eine Musik-, sondern auch Stillevermittlerin" ist. Das soll freilich keine Kritik an der eigenen Tätigkeitsfülle sein. Tröndle: "Im Vergleich mit 2016 habe ich das Gefühl, ich komme in meinen Möglichkeiten an; ich will diese Vielfalt nicht mehr missen."