Das Orchestre symphonique de Montréal kann sich hören lassen: Die Blechbläser punkten mit Präzision, der Streicherapparat erfreut mit einem homogenen, wolkigen Klang und der Mann an der Kesselpauke arbeitet so pünktlich, dass sich die Deutsche Bahn ein Scheibchen davon abschneiden könnte. Erinnert insgesamt an einen Organismus, dessen Stimmgruppen so geschmeidig interagieren wie die Muskeln im Leib eines Spitzenathleten.

Beim Gastspiel im Wiener Konzerthaus am Montag kommt dieses organische Zusammenspiel besonders stark bei Mahlers Fünfter Symphonie zur Geltung; ja, diese Tugend scheint, im Verbund mit einer flotten Gangart, überhaupt den Interpretationsansatz von Rafael Payare, dem 42-jährigen, neue Chefdirigenten zu bestimmen. Der zügige Zugang des Venezolaners hat seine Vorteile: Weil er selten Tempoänderungen vornimmt, zerfällt die Musik nicht in Stückwerk und wirkt auch rhythmisch weitaus plausibler als bei Dirigenten, die zu pathetischen Tempowallungen neigen.

Kaum Detailgestaltung

Das Problem aber: Payare fokussiert so sehr auf den Klangfluss an sich, dass er die darin schwimmenden Schönheiten – vom Kurzmotiv bis zur ausgewachsenen Kantilene – nicht ausreichend beachtet und damit gerade bei Mahler, dem Meister der tausend Details in einem dichten Orchestersatz, viel verspielt. Oft fehlt den Melodiebögen jene Feinabstufungen in Dynamik und Artikulation, die Musik erst zum Leben erweckt. Auch die Klangfarbenwechsel, die Mahler auf seiner musikalischen Bühne vornimmt und damit entscheidend die Dramatik befeuert, deuten sich lediglich an. Außerdem: Es fehlt eine stimmige Einleitung für die Schlussminute. Ohne ein Ritardando als Kraftstauung im Vorfeld wirken die Jubelfanfaren des Blechs nicht wie ein Dammbruch der Freude, sondern wie ein unvermitteltes Hurra.

Dass das Orchester dennoch reichlich Applaus erntet, liegt vermutlich an seinem gewinnenden Drive – und vielleicht auch daran, dass es in der ersten Hälfte gemeinsam mit der Wiener Singakademie zwei Chorraritäten von Brahms ("Nänie" und "Schicksalslied") recht atmosphärisch interpretiert hatte. Beifall für einen Chefdirigenten, der zweifellos Ambitionen besitzt und im Laufe seiner Arbeit in Montréal zu noch überzeugenderen Ergebnissen gelangen dürfte.