Zu den Unbilden Teuerung, Energiekrise und Corona gesellt sich dieser Tage noch ein Ärgernis - jedenfalls für heimische Musiker: Der ORF plant, so geht das Gerücht, aus Spargründen mehrere Ö1-Sendungen zu streichen, darunter "Zeit-Ton", das Format für die Klänge zeitgenössischer Komponisten. Die Szene hat rasch mit einem offenen Brief reagiert, der bisher rund 30.000 Proponenten fand.

Unter den Unterstützern der ersten Stunde Bernhard Günther: Der gebürtige Schweizer ist ein glühender Advokat der Neuen Musik und seit 2016 Chef des einschlägigen Festivals Wien Modern. Frage an den Experten: Was wäre der Hauptschaden für die Neue Musik, wenn "Zeit-Ton" verschwände? Ein Präsenzverlust für die Kunstform - oder ein monetäres Minus, weil der ORF dann kein Geld mehr für entsprechende Senderechte (auch nicht an Wien Modern) zahlen müsste? "Es geht vor allem um die Sichtbarkeit dieses Kunstbereichs als Ganzes", sagt Günther. Das Geld für die Rechte spiele eine geringere Rolle. "Der ORF zahlt uns schon jetzt viel weniger als im Klassikbereich." Wobei Günther natürlich auch nicht darauf verzichten will: "Als Intendant bin ich für jede Summe dankbar."

Hat seine Freude an Komplexität: Bernhard Günther. - © Nafez Rerhuf
Hat seine Freude an Komplexität: Bernhard Günther. - © Nafez Rerhuf

Ein sorgfältiges Wirtschaften sei derzeit überhaupt bedeutend, denn die Szene befände sich in einer heiklen Lage: "In den klassischen Konzerthäusern muss die Neue Musik nach den schwierigen Vorjahren um jeden Zentimeter kämpfen. 249 Tage Spielverbot in den Jahren 2020 und 2021 haben ein Loch in Budgets gerissen, im Saisonbetrieb fehlen teilweise tausende Abonnenten, die nach den Lockdowns nicht zurückgekehrt sind. Manche Häuser drehen jetzt jeden Euro um. Es findet vielerorts ein Sortierprozess statt, der den Spar-Tendenzen bei Ö1 prinzipiell nicht unähnlich ist. Da muss man aufpassen."

Nachsatz: "Die Neue Musik ist jener Bereich, der viel Geld kostet und wenig einspielt, es ist gewissermaßen die Forschungs- und Entwicklungsabteilung in diesem Musikbetrieb. Sich das zu leisten, fällt den Häusern zunehmend schwer."

"Spaß" haben am Komplizierten

Diese "Spezialabteilung" sei aber keinesfalls schlecht besucht, jedenfalls nicht im Fall von Wien Modern, meint Günther: "Wir sind keine ‚Fachmesse‘ für einen eingeschworenen Kreis, sondern ein Publikumsfestival, das kann man sagen, ohne zu erröten. Unterm Strich kommen bei Wien Modern bis zu 30.000 Leute zusammen." Und der Publikumsschwund, der Veranstalter neuerdings heimsucht? Macht er sich auch bei Wien Modern bemerkbar? Günther: "Die Erfahrung zeigt, dass Festivals von dem Phänomen nicht so sehr betroffen sind." Die Ausgabe 2021 sei erfreulich besucht gewesen, jedenfalls bis zum Beginn des Lockdowns Ende November, und: "Wir liegen derzeit gut im Verkauf, aber es ist natürlich nichts vorhersagbar."

Alles sehr unwägbar heuer wieder - dazu passt auch das Festivalmotto: "Wenn alles so einfach wäre." Die Gedanken dahinter: "Die gefühlte Komplexität unseres Alltags ist stark gestiegen. Wir nehmen sie überall wahr, entkommen ihr nicht, sie wirkt auf uns wie ein Angstgegner." Das führt Günther aber nicht etwa zu Reformplänen, den gestressten Zeitgenossen bei Wien Modern nun weniger musikalische Komplexität zuzumuten. Nein: "Wir präsentieren eine Kunstform, die seit Arnold Schönberg im Ruf steht, vor Komplexität keinesfalls zurückzuschrecken." Man werde jetzt nicht plötzlich "mit Easy Listening Werbung machen", sondern möchte vielmehr die Vorzüge dieser Komplexität vermitteln. Günther: "In der Neuen Musik haben die Menschen, auf der Bühne wie im Publikum, gelernt, mit Komplexität gelassen umzugehen und daran auch noch Spaß zu haben." Diesen "Spaß" will er dem Publikum zwischen 29. Oktober und 30. November nahebringen.

Etwa bei den Auftritten von Pierre-Laurent Aimard und dem Arditti Quartet: Unter dem Titel "A Simple Guide to Complexity" erzählen die gefeierten Interpreten, wie sie sich in scheinbar undurchdringlichen Notenlabyrinthen zurechtfinden. Eine Koryphäe der Komplexität auch der 86-jährige Helmut Lachenmann, der mit mehreren Aufführungen bedacht wird, darunter der Österreich-Premiere seines Stücks "Mes Adieux". Unter den szenischen Projekten dürfte sich das - in Deutschland bereits hymnisch gefeierte - Opus "A House Of Call" von Heiner Goebbels als Highlight erweisen. Aufwendig gestaltet auch "Coronation I-VI" - ein Musikmarathon, der diverse Stücke Olga Neuwirths aus Corona-Zeiten an einem Tag zur Aufführung bringt. Im Musikverein wiederum wird die im Vorjahr noch wegen Corona gecancelte Veranstaltungsreihe stattfinden, die den Maler-Star Georg Baselitz als Liebhaber zeitgenössischer Musik vorstellt.

Nachgeholt wird auch die "Ceremony II" von Georg Friedrich Haas. "Wir versuchen, dieses vierstündige Werk seit 2020 im Kunsthistorischen Museum zur Uraufführung zu bringen - ein ultrakomplexes Projekt für bis zu 80 historische Instrumente mit unterschiedlichen Stimmungen", sagt Günther. "Es ist wie ein gigantisches Uhrwerk - komplex, aber sehr schön. Wenn wir rüberbringen, dass diese Eigenschaften keine Gegensätze sind, ist schon einiges gewonnen."