"Wenn alles so einfach wäre" steht als Motto über der diesjährigen Ausgabe von Wien Modern, der bereits 35.: Der Ausspruch ist vieldeutig und trifft das inhaltliche Programm des vierwöchigen Festivals genauso wie die gesamte Situation der Veranstaltungsbranche. Es soll aber nicht gejammert, sondern Lust auf Neues, Neugier auf bisher Ungehörtes gemacht werden. Was das zeitgenössische Komponieren anlangt, sind komplexe Systeme und Gesetzmäßigkeiten oft Basis der Musik, zu hören ist das recht selten, denn was schlussendlich zählt, ist, dass das Publikum emotional berührt wird.
Der emotionalen Wirkung konnten sich die zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer beim Eröffnungskonzert am Samstag im Wiener Konzerthaus nur schwer entziehen: Die Wiener Symphoniker zeigten anhand von vier Werken, dass Orchesterliteratur der vergangenen 30 Jahren weder verkopft klingen noch langweilig sein muss.
Matthias Pintscher feierte Premiere als akkurater Dirigent bei den Symphonikern. Er brachte auch sein eigenes Violinkonzert "Assonanza" mit der Solistin Leila Josefowicz erstmals in Österreich zur Aufführung. Geschmeidig führte die Geigerin vor, welche klanglichen Facetten ihr Instrument zu bieten hat – nicht verwunderlich, da der Komponist dafür aus einem Solostück, auf ihre Initiative hin und in engem Austausch, eine Fassung mit Kammerorchester erarbeitet hat. Die Tutti-Instrumente imitieren, zeigen Temperament in rhythmischen Ausbrüchen, ihre Stimmen verschmelzen im "Gleichklang" wie der Titel "Assonanza" verspricht.

Eindringliche Bläserkaskaden

Mit "Der Zorn Gottes" der mehr als 90-jährigen Sofia Gubaidulina endete der Festival-Auftakt fulminant und eindringlich mit Bläserkaskaden und zwingenden Rhythmen – ein orchestraler Klang-Tsunami. Die Grand Dame der Neuen Musik, aus Russland gebürtig und seit den 1990er Jahren bei Hamburg lebend, erschuf eine Komposition, die in enger Verbindung mit einem Friedensgebet in mehreren Sprachen steht. Deren Uraufführung musste mehrmals verschoben werden und fand vor zwei Jahren nur wenige Tage nach dem Attentat in Wien statt. Ein weiterer Lockdown hatte damals begonnen, daher konnte das Publikum nur per Stream beim Konzert des RSO und der Dirigentin Oksana Lyniv dabei sein. Eine denkwürdige Ausnahmesituation, die am vergangenen Wochenende (glücklicherweise) nicht gegeben war. "Der Zorn Gottes" wirkte milder, weniger extrem, was auch der nicht hundertprozentigen energetischen Präsenz des Orchesters geschuldet gewesen sein dürfte.