Jedes Kind hält sein Elternhaus für normal. Jenes von Georg Friedrich Haas war es keineswegs, jedenfalls nach heutigen Kriterien. Es fügte dem später gefeierten Komponisten körperliche und seelische Blessuren zu. "Wer sein Kind liebt, der schlägt es", hat ihm die Mutter hunderte Male gesagt. Als Kleinkind sei er mehrmals täglich geschlagen worden, schon aus läppischsten Gründen. "Wenn ich es wagte, auf eine Anordnung die Frage ‚Warum?‘ zu stellen, galt dies als Frechheit und ich erhielt eine Ohrfeige", so Haas. Eine bittere Ironie: "Meine Eltern hielten sich für sehr liberal, weil sie ihren Kindern gestatteten, ab und zu während des Essens auch dann zu sprechen, wenn sie nicht gefragt wurden." Das schlimmste Übel in dieser Jugend war aber wohl (falls sich die Gräuel in eine Reihung bringen lassen), dass die Eltern und Großeltern von Haas glühende Nazis waren und den Komponisten in dem Sinne erzogen - obwohl der 8. Mai 1945, aus Familiensicht der Tag des "Zusammenbruchs", bereits Jahre zurücklag.

Kurz: Georg Friedrich Haas, Jahrgang 1953, hat den Nationalsozialismus mit der Muttermilch aufgesogen und tat sich entsprechend schwer, aus der vertrauten Ideologie auszubrechen. Wie schwierig dieser Bruch war und in weiterer Folge der Umgang mit der schuld- und schambehafteten Zeit, schildert er in seinem lesenswerten Band "Durch vergiftete Zeiten. Memoiren eines Nazibuben".

Täter, die sich Opfer nennen

Das Buch beklemmend zu nennen, wäre eine Untertreibung: Haas schildert die Qualen seiner Kindheit, die ihn "viel Geld und noch mehr Zeit" in Therapien stecken ließen, in glühenden Worten. Zugleich ist das Buch penibel recherchiert: Dafür trägt nicht nur Haas Sorge, sondern auch die Mithilfe der Herausgeber Daniel Ender und Oliver Rathkolb. Sie fügten in eckigen Klammern historische Ergänzungen in den Text ein und bereicherten so Haas’ Familiengeschichte.

So sehr Haas seine Ahnen verurteilt, so sehr zeichnet er doch auch ein differenziertes Bild. Er entschuldigt nichts, macht manches aber ein Stück weit nachvollziehbar. Etwa in der Familie seiner Mutter: Deren Vater war schon vor 1938 in Österreich als Nazi tätig und im Gefängnis gelandet. Nach seiner Freilassung übersiedelte die Familie nach Deutschland, wo es ihr schlagartig besser ging; als sie nach dem "Anschluss" nach Österreich zurückkehrte, erhielt sie eine großzügige Grazer Wohnung.

Auch der Großvater väterlicherseits profitierte stark von den Nationalsozialisten, und er machte steil Karriere: Schon vor 1938 der Partei beigetreten, avancierte Fritz Haas im Jahr des "Anschlusses" zum Rektor der Technischen Hochschule Wien und reüssierte als Industriearchitekt. Nach dem Krieg geriet er in Haft, wurde aber dank gefälschter Dokumente als "minderbelastet" eingestuft und erhielt eine Pension. Wie viele "Ehemalige" war Fritz Haas also großzügig in die Gesellschaft re-integriert worden. Dennoch sah er sich als Opfer und trug in der Öffentlichkeit das "Edelweiß aus Stacheldraht" zur Schau - ein Geheimzeichen ehemals inhaftierter Nazis. Sein Sohn Friedrich Haas, genannt Friedl, entwickelte sich zu einem ebenso strammen Nazi und kämpfte im Weltkrieg in Frankreich, wo er mit einer Fliegerabwehrkanone ein Kriegsverbrechen begangen haben dürfte.

Schuldgefühle? Dafür war im Hause Haas jedoch kein Platz. Der Volksschullehrer in Vorarlberg erzählte dem jungen Georg Friedrich, dass Österreich noch bis vor kurzem von "Monstern" regiert wurde. Aber die Eltern waren zu einflussreich, als dass der Bub daran geglaubt hätte. Und: Diese Eltern schworen ihn auf eine unmögliche Mission ein: "Georg, es ist deine Lebensaufgabe, der Welt zu beweisen, dass wir keine Verbrecher waren." Das habe die Mutter wörtlich zu ihm gesagt.

Allmähliche Befreiung

Diese familiären Fesseln erwiesen sich als zäh. Georg Friedrich Haas war nicht nur während seiner Schulzeit völkisch gesinnt; er blieb es auch noch am Beginn seines Studiums. Haas trat damals dem Verein Deutscher Studenten bei und hielt dort anfangs (zu seinem späteren Leidwesen) eine "nationale" Rede.

Doch allmählich geriet sein Weltbild ins Wanken, und just nach seiner Wahl zum Vorsitzenden des VdSt leistet er sich ein Husarenstück: 1972 verteidigte er in einer Rede die zweisprachigen Ortstafeln, nachdem diese in Kärnten aufgestellt und teilweise zerstört worden waren. Die Demontage dieser Tafeln sei auf das Schärfste zu verurteilen, erklärte Haas damals den verdutzten Burschenschaftern. Der Bruch mit dem Verein folgte.

Auch mit den Eltern kam es zum Bruch, allerdings erst 2006: Haas hat sie in einem Brief mit sämtlichen Vorwürfen konfrontiert. Leider: "Es gab keine Diskussion, keine ernsthafte Antwort. Nur das Selbstmitleid, vom eigenen Kind so hart verurteilt worden zu sein." Immerhin: Der Komponist hat sich mit seinem Vater auf dessen Sterbebett ausgesöhnt.

So stark der Tobak ist, den Haas auf den fast 300 Seiten seines Buchs beschert: Der Band endet positiv. Der Komponist, der 2013 nach New York übersiedelt ist und dort eine "wunderbare Partnerin" gefunden hat, ist heute im Reinen mit sich. "Ich habe Frieden geschlossen mit mir selbst. Die Vergangenheit liegt hinter mir. Ich habe noch viel zu tun."